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Wiegenlied der Strasse
oder
die Strassenkinderoper

in siebzehn gespielten, getanzten, gesungenen, gerappten, gesprochenen Szenen

© Sabine Vess 2006/2008

zugrunde liegen ein Interview mit einem Ex-Strassenkind, Interviews mit Strassenkindern, Berichte über die Schliessung eines der Häuser der Kinder in einem Stadtteil Limas, Edsons gerappte Geschichte von nach dem 'Leuchtenden Pfad' und eigene Notizen.
anders als im spanischen Text füge ich hier einige Anweisungen und einen Prolog über die Hintergründe an.

nach dem noch erzählerischen 'Wiegenlied' im August und November 2005 machen wir uns im September 2006 mit den Kindern und Jugendlichen an die Oper ihres Lebens. anhand des ersten Theatertextes, des Rapsongs von Edson und der Szenen während der Arbeit des ersten Jahres hatte ich das Libretto vorbereitet.
Anfang Oktober 2006 spielen die der Strasse ihre Oper in der 'Universidad Nacional Mayor de San Marcos', der Katholischen Universität und dem spanischen Kulturzentrum in Lima.
2007 fangen wir an die, die im Zentrum Limas immer auf der Strasse leben, mit einzubeziehen. das Spiel der Kinder wird freier.
im Oktober 2008 können wir ein Pilot-Projekt für eine Kampagne durch die mittleren und höheren Schulen Limas lancieren; ein lang gehegter Wunsch. die der Strasse bringen ihr Leben auf Schulen und gehen anschliessend mit den Schülern in Diskussion.
von Edson fügen wir einen zweiten Gesang ein.
2009 fangen wir an auch eine Gruppe Kinder und Jugendlicher von ausserhalb des Zentrums mit einzubeziehen.

info@sabinevess.nl

 

Reihenfolge der Szenen

    1. Prolog in Bildern, Bewegungen, Geräuschen
    2. es ist die Freiheit
    3. vom Schaffen eines Zuhauses für unsereins in einem Haus in einem normalen Stadtteil
    4. aus dem Leben auf der Strasse und eher zuhause
    5. über Unterricht gesprochen
    6. Rapper Rappos Geschichte
    7. das Tischgebet
    8. die Proklamation
    9. Geduld
    10. Szenen in Bussen, auf der Strasse, im Haus
    11. vom Kleinsein auf der Strasse
    12. über die Drogen
    13. vom Klauen auf der Strasse
    14. wo wir auf der Strasse schlafen
    15. vom Ausstieg aus den Drogen
    16. die Schliessung des Hauses durch die Obrigkeit
    17. eine Art Epilog
die Zahl der Spieler ist flexibel, die Verteilung zwischen Gesang, Rap und gesprochenen Worten auch.

 

1. Prolog in Bildern, Bewegungen, Geräuschen

die Kinder und Jugendlichen der Strasse haben eigene
Bewegungen,
Rhythmen,
Wiederholungen.

stehen
anschaffen,
kämpfen,
schnüffeln,
rauchen,
drängen
rein ins Haus,
raus.
gehen,
kommen,
liegen
übereinander in Ecken. das hält auf der Strasse nachts
warm.
Hunde schleichen vorbei,
Busse kreischen,
Autos hupen, irgendwo
Schritte.

im Haus läuft die spastische geistig Zurückgebliebene mit Rucksack hin und her, treppauf, treppab, wimmert, schlägt sich die Hand gegen den Schädel. der weibliche Kretin schreit, lacht. Kinder werden in Bäuchen, vor Bäuchen geschleppt. die Dreizehnjährige, gerade auf der Strasse vergewaltigt, hört, ihr Vater sei nicht ihr Vater, dreht durch, rennt rum, wirft sich den Männern an die Hälse, tanzt in durchsichtigem Kleidchen. man schlurft. bleibt liegen. kommt, sagt seinen Text, legt sich irgendwo hin, rennt weg.

Seifenopern im Fernsehen. der Ton, aufgedreht, abgedreht, aufgedreht. sich bewegen wie die Schönen, die Rapper! sie greifen zum Mikrofon, greifen zu allem, was wie ein Mikrofon aussehen könnte.
kommen müde vom Job. wollen nicht, nichts. niemand kriegt sie aus dem Bett. machen Hausaufgaben, üben Zirkusnummern, trommeln, rütteln an verschlossener Tür.
im Gefängnis stumpfen sie ab.
bei allem was sie tun, steht das alles, Schatten gleich, in ihren Leibern, würzt ihre Bewegungen, Melodien, ihren Rhythmus beim Sprechen, Singen.
immer wieder fangen diese Schatten in ihnen zu tanzen an. die Sequenzen sind unregelmässig. alles kann gleich wieder abbröckeln, gleich wieder abgenommen werden, sich schier endlos verzögern.

in diesem so instabilen 'Raum' fangen sie an über ihr Leben zu singen, zu sprechen.
ihr Rappen ist eher ein rhythmisches Sprechen, das ihnen den Text besser einverleibt, bevor sie anfangen können damit zu spielen.

 

2. es ist die Freiheit

zwei Jugendliche und der Chor aller Kinder

erster Jungendlicher
singt

es ist die Freiheit
du entscheidest
willst du bleiben
kannst du bleiben
willst du gehen
kannst du gehen

rappt
wir ziehen solange schon frei durch die Strassen

Rufchor der Kinder
frei
frei
frei

erster Jugendlicher
rappt weiter

unstetes Leben
kein fester Platz
alles ist flüchtig
und immer dem Heute und Hier verhaftet
erhoffen wir nichts und nie von morgen
es herrscht nur
jetzt
jetzt
jetzt

Rufchor der Kinder
jetzt
jetzt
jetzt

erster Jugendlicher
rappt weiter

und immer droht uns Gefahr von den Grossen
den vielen grossen
erwachsenen Leuten
die es gern mit Kleinen treiben

Chor der Kinder
es gern mit Kleinen treiben
es gern mit Kleinen treiben
es gern mit Kleinen treiben

erster Jugendlicher
rappt weiter

und niemand und nichts bietet Schutz

und Kinder finden wir Schutz bei Kindern
Kinder etwa gleichen Alters passen wir auf einander auf
beschützen einander vor den Grossen
auch den Bullen

immer dreschen die
auf uns ein

Rufchor der Kinder
dreschen
dreschen
dreschen

erster Jugendlicher
rappt weiter

führen uns ab aufs Revier
lassen uns Klosetts putzen
vierundzwanzig Stunden
manchmal länger
halten uns zwei
drei Wochen fest
und keiner tritt je für uns ein

zweiter Jugendlicher
rappt

da kommt diese Frau
kämpft für mich
kämpft um mich
streitet ganze Nächte

sie greifen mich auf
nachts gegen eins
und keiner kommt mich verteidigen

und
wenn keiner mich zu verteidigen kommt
morgen
ja morgen
geht's ab in den Knast

Rufchor der Kinder
ab in den Knast
ab in den Knast
ab in den Knast

zweiter Jugendlicher
rappt weiter

das Morgen ist da
ich rufe sie an
sie kommt
spricht mit den Bullen
klärt sie auf
über meine Rechte
streitet mit ihnen bis in die Puppen

Rufchor der Kinder
streitet
streitet
streitet

zweiter Jugendlicher
singt

endlich kann ich da raus

Chor der Kinder
alle kommen wir da raus
alle alle kommen wir da raus
alle alle kommen wir da raus

zweiter Jugendlicher
rappt

da dringt zu mir durch
dass eine uns hilft
eine die sagt:
da bin ich
ich bin nicht deine Mutter
bin niemand
aber ich bin für dich da

nie kümmerte sich einer um mich
suchten mich meine Eltern
wenn
ich
verloren durch die Strassen
zog

und dieses Etwas
unsereins nie widerfahren
und ich glaube, das ist der Punkt
wenn du da raus willst
dass einer sich um dich kümmert

denn
wenn einer sich um dich kümmert
dann fühlst du dich geliebt
dir geholfen
dich bestärkt
von einem
der dir sagt:
schau
ich bin für dich da
ich verteidige dich
du bist nicht allein auf der Strasse

das
dass ein Mensch sich unsereins annimmt
macht dass wir uns ändern

Rufchor der Kinder
uns ändern
uns ändern
uns ändern

zweiter Jugendlicher
spricht

nicht heute
nicht morgen
nein
nicht alle

erster Jugendlicher
spricht

die Hausleute
von der Strasse wie wir
machen sich
so wenn sie aus Unkenntnis Fehler machen
so lernen sie

durchtränkt der Strasse
geschmiedet im Feuer
der Kälte da
Verachtung
Tritte gewohnt und
Freiheit - na ja
machen sie sich dran
mit uns
fürs Haus eine Ordnung zu schaffen
eine Grammatik des Miteinanders
aufgrund unseres Wissens
dem Wissen von uns

 

3. vom Schaffen eines Zuhauses für unsereins in einem Haus in einem normalen Stadtteil

Chor der Kinder und zwei, drei kleine Nachbarmädchen

die Kinder und Jugendlichen bauen an ihrem Zuhause, üben Zirkusnummern. kleine Nachbarmädchen singen einen Abzählreim mit für sie noch unverständlichen Worten.

Chor der Kinder
die Melodie von Paul Hindemiths: 'wir bauen eine neue Stadt'
wir bauen hier ein neues Haus
es soll das allerschönste sein
es soll das allerschönste sein
allerschönste
allerschönste
allerschönste

wir bauen hier ein neues Haus
es soll das allerschönste sein
es soll das allerschönste sein
allerschönste
allerschönste
allerschönste

wir bauen hier ein neues Haus
es soll das allerschönste sein
es soll das allerschönste sein
allerschönste

Mädchen der Nachbarn
Nutten

Chor der Kinder
allerschönste

Mädchen der Nachbarn
Nutten

Chor der Kinder
allerschönste

Mädchen der Nachbarn
Dreckschweine
Schläger
Drogensüchtige
Schwule
Scheissratte
ab!

Nutten
Nutten
Dreckschweine
Schläger
Drogensüchtige
Schwule
Scheissratte
ab!

Nutten
Nutten
Dreckschweine
Schläger
Drogensüchtige
Schwule
Scheissratte
ab!

 

4. aus dem Leben auf der Strasse und eher zuhause

zwei Frauen(stimmen), zwei Mädchen, Chor von Leuten, eine Stimme, zwei Männer(stimmen)

zwei Frauen(stimmen)
sprechen oder singen

schau nur
der Polizist uriniert auf die Kleine
zieht seinen Knüppel

Rufchor von Leuten
nicht hinschauen
nicht hinschauen

erstes Mädchen
singt

ich habe als Kind schon viel abbekommen
das Leben setzt mir schonungslos zu
Polizisten pissen sogar auf mich
versetzen mir feste Prügel und Tritte

eine Stimme
Ratten haben keine Seele

erstes Mädchen
spricht weiter

es gibt keine Regeln
und keiner sagt:
Schluss!
aus!

Rufchor der Kinder
Schluss!
aus!
Schluss!
aus!
Schluss!
aus!

erstes Mädchen
spricht weiter

keiner achtet uns
je

eine Stimme
tuschelt

die wollen geachtet werden

Chor von Leuten
wollen geachtet werden
wollen geachtet werden
wollen geachtet werden

zwei Männer(stimmen)
sprechen oder singen

wer auf der Strasse landet
den erwartet
Prügel rechts
Prügel links
das ist Gesetzt

Chor von Leuten
Ratten haben keine Seele
Ratten haben keine Seele
Ratten haben keine Seele

erstes Mädchen
singt weiter

und all die Anstalten
wo du kaum da
das Misshandeln schon losgeht

die zwei Männer(stimmen)
sprechen oder singen

wer in der Anstalt landet
den erwarten
Misshandlungen rechts
Misshandlungen links
das ist Gesetzt

Chor von Leuten
Ratten haben keine Seele
Ratten haben keine Seele
Ratten haben keine Seele

Trommler
Gewalt
Gewalt
Gewalt
Gewalt

zweites Mädchen
spricht oder singt

meine Eltern kreischen
schlagen sich die Schädel ein
Hände
schlagen mich
Hände
beglabschen mich
Mutter

Chor dreier Männer
wir schänden Mädchen
dreizehn
vierzehn
Jahre alt

zweites Mädchen
spricht

Mutter schreit

Rufchor der drei Männer
Schlampe

zweites Mädchen
spricht

ich klage an

Rufchor der drei Männer
wir bestechen

zweites Mädchen
spricht

ich will Liebe

Chor der drei Männer
Liebe
Liebe
Liebe
Liebe

Chor von Leuten
Ratten haben keine Seele
Ratten haben keine Seele
Ratten haben keine Seele

Chor anderer Leute
die wollen geachtet werden
die wollen geachtet werden
die wollen geachtet werden

zweites Mädchen
spricht

ich klage an

Rufchor der drei Männer
wir bestechen

zweites Mädchen
spricht

ich will Liebe

 

5. über Unterricht gesprochen

ein Jugendlicher, zwei Rufchöre von Kindern, Rapper Rappo, Stimmen von Leuten

der Jugendliche
spricht oder rappt

wir von der Strasse gingen gern zur Schule
von Anfang an ist uns das versagt
keine Schuhe
keine Uniformen
ich habe oft vor Ohnmacht geheult
konnte nicht denken

erster Rufchor von Kindern
Ohnmacht
Ohnmacht

zweiter Rufchor von Kindern
Wut
Wut

erster Rufchor von Kindern
Ohnmacht
Ohnmacht

zweiter Rufchor von Kindern
Wut
Wut

beide Rufchöre
Rappo
Rappo
Rappo

 

6. Rapper Rappo und seine Geschichte

Rapper Rappo
mit Soundtrack und Mikrofon

OK
OK
ich bin Rappo original
ich singe euch jetzt die Geschichte meines Lebens
eines Lebens
vieler Leben in
diesem prächtigen Land

kaum hält meine Mutter mich liebevoll im Arm
im Jahre 1982
überkommt das Land ein grausamer Alptraum
ein grausamer Alptraum

Soldaten der Regierungstruppen ermorden unschuldige
Väter
Mütter
Söhne
Töchter, meinen
Vater, meine
Mutter
es fliesst viel Blut
fliesst viel
Blut

ganz klein noch
stehe ich
ohne Erklärung für all die verschwundenen Leben
das ganze Blut
in der Stadt meiner Leute
allein

wo bleibst du Regierung
wenn deine Soldaten unschuldige Menschen ab-
knallen
und Waisen
des Laufens kaum fähig
ziellos der Strasse anheim-
fallen

ich weiss
weiss
bin einer nur
der Familie beraubt
der Familie beraubt
vor Armut der Strasse Beute
gibt's ganze Heere auf Erden

behandle uns sorgsam
meine Leute fordern das
Kinder werden geboren zu leben
nicht misshandelt
missbraucht zu werden

die Stimme des Kindes erhebt sich
doch du Regierung zeigst uns die kalte Schulter

ihr da oben
was ich euch sage
wisst ihr genau:
Korruption herrscht weiter
landauf
landab
wir müssen dagegen kämpfen

ihr seht
hört
sagt ja
tut nichts
eure Hände sind schmutzig schmutziger Geschäfte
euer Lieblingsspiel ist Korruption

auf die Strasse gespuckt
keine Spur Verständnis
nirgends
lassen Scharen Kinder
sich auf Drogen
ein
unterwerfen sich deren Gesetzen, deren
mordenden Gesetzen
das Erlittene zu vergessen
aufzuhören Hunger und Kälte zu spüren
aufzuhören daran denken zu müssen
schauen Gesichte der sie liebenden Mutter
die lange schon tot
verkümmern massenhaft
krepieren unter Ratten, die

Droge ist eine
Weltseuche
lange schon
keine Lappalie, die
Behandlung hart, oft
abgebrochen
jeder Abbruch von jetzt an der sichere
Tod es ist
schwer mit zerfressenen Lungen zu
sprechen

wir der Strasse brauchen Hilfe
brauchen Verständnis
brauchen Liebe jedoch
unsere Rechte missachtend
die Rechte sind auch unsere
Rechte
schnauzen die
Ordnungshüter uns an
schlagen
treten uns
führen uns
ab

zischende Leute
Ratten
Dreck
nutzlos

Rapper Rappo
wir kennen nur eine Frau
die für unsere Rechte kämpft
jedem von uns ihre Liebe schenkt
wie eine Mutter
uns Obdach bietet

Herr Richter
Herr Staatsanwalt
wir sind müde all der Misshandlungen
all der Korruption

Chor von Leuten
es wachse die Armut
bereichere sich der Reiche
werde immer habsüchtiger
erbarmungsloser

 

7. das Tischgebet

Vorsänger und Chor der Kinder
gregorianischer Gesang

Herr Herr
wir danken Dir wir danken Dir
für das Essen für das Essen
mögen alle Kinder mögen alle Kinder
Essen haben Essen haben (und Saft)
im Namen des Vaters im Namen des Vaters
und des Sohnes und des Sohnes
und des Heiligen Geistes und des Heiligen Geistes
Amen Amen

ein Kind
fragt

was ist Heiliger Geist?

 

8. die Proklamation

ein Sprecher, eine Stimme, Chor von Leuten, ein Kind

eine Szene wie im Hydepark.

der Sprecher
wir internieren alle
Armen
Schwachen
Kinder
Alten
für die strahlendste Welt
die strahlendste Welt

Chor von Leuten
für die strahlendste Welt
die strahlendste Welt

der Sprecher
die Kastration hat noch nicht begonnen
es geht um die Hälfte
Zweidrittel der Weltbevölkerung

hiermit erklären wir die Strasse zum Lager
die Strassen sind das reinste Gefängnis

Chor von Leuten
das reinste Gefängnis

der Sprecher
singt

für die frohe Botschaft
schnüren wir allen den Mund
schnüren sich alle den Mund - ganz von selbst
schlachten unsre tapfren Soldaten
Hunderte
Millionen

eine Stimme
sagt

ein Heiliger

Chor von Leuten
ein Heiliger

ein Kind
fragt

was ist ein Heiliger?

 

9. Geduld

ein Junge
rappt

unser Problem ist
wir wollen alles schnell schnell
sind immer in Eile
müssen Geduld
üben
uns in Geduld
üben
Geduld mit uns selbst
Geduld mit denen die uns helfen wollen

gewohnt von der Hand in den Mund zu leben
dass nur heute zählt
jetzt
jetzt
schaffen wir knapp die kalte Nacht wie
die Mädchen und Jungen auf'm Strich im Zentrum
die sich voll pumpen
stehlen um
sich
voll zu
pumpen
auf den
Strich zu
gehen

 

2008 eingefügter zweiter Gesang von Rapper Rappo vom Leben auf der Strasse

leben auf der Strasse ist schwer
mach's
du denkst es sei leicht

meine eiskalten
Füsschen als Kind erinnere ich gut
im
Plastikbeutel der
Wunderkleister war meine Zuflucht
alle
rechts
links
alle mit Beutel, alle
Freunde

ich bin Zeuge
dieser mit lumpigen Kleidern umhängten Gestalten
die stark sich wähnen
wähnen
wähnen
wähnen
viele meiner Kumpel hat der Tod
schon geholt

mörderische Gesetze
keine Lösung
so ist das Leben
Freunde
kämpfst du nicht
wirst du kaputtgemacht

es nützt nichts dich zu entrücken
na ja
ich tat's aus Bedürfnis
brauchst ne Menge Sachen als Kind
jagst pausenlos hin und her wie
verloren in grosser Stadt

so viele Stimmen

wie oft habe ich den vermaledeiten Kleister nicht inhaliert
mich voll zu saugen mit Illusionen
mich wohler zu fühlen
zu denken es gäbe kein Übel
sonst zählte nichts

leben auf der Strasse ist schwer
du hast keine Wahl
musst aushalten

nachts weinen meine Augen
weint der Himmel
weinen alle über irgendetwas
muss weitermachen
eine Lösung suchen

der Bulle
richtete seinen Revolver auf mich
im Anschlag
Mann, sagte ich ihm
was hast du
was ist
Chef
ich bin erst elf
hab noch kein Verbrechen begangen
das war meine Frage

er drosch auf mich ein
brachte mich aufs Revier
das war seine Antwort
ich kriegte kaum Luft
zack!

bis heute erinnere ich diesen Schwachkopfs
der meine Aufsässigkeit
meine Wut schürte
es hat sich mir eingraviert

ich erinnere meine Strassen genau
die Grau
die Plaza Bolognesi
das war mein Gehege

mein Gott!
wie viele Strassen ich durchlaufen habe
wie viele Nächte in verschlossenen Zellen verbracht
mit misshandeltem Leib

ich bin nicht Schuld an meinem Schicksal

ja, einer gab meinem Weg eine andere Wendung
doch die Erinnerung bleibt
Erinnerungen an die Vergangenheit
meine Vergangenheit

 

10. Szenen in Bussen, auf der Strasse, im Haus

ein Bauchladenhändler, zwei Bettelkinder, ein älterer Bettler, ein Tanzlehrer mit Mädchen, der weibliche Kretin, Chor von drei oder vier Jugendlichen, ein Mädchen mit Brüderchen und Schwesterchen

diese Szenen werden von Kindern und Jugendlichen als Spiel gespielt und gehen mit dem Tanz des weiblichen Kretins in die Wirklichkeit eines der Häuser über.

ein Bauchladenverkäufer im Minibus
mit gerüttelter Stimme

meine sehr verehrten Damen und Herren
mit aller Achtung
die Ihnen gebührt
guten Tag
gute Nacht
ich verkaufe Bonbons
Bonbons?
Bonbons?
Bonbons?

ein Bettelkind im Minibus
mit gerüttelter Stimme

meine sehr veehrten Damen und Herren
mit aller Achtung
meinen Geschwisterchen
mir
fehlt unser tägliches Brot
Brot?
Brot?
Brot?

ein Bettelkind im Minibus
mit gerüttelter Stimme

verehrte gnädige
Frauen
Eltern
Herren
bitte
zwei Cent

zwei Kleine tanzen im Stau auf der Strasse zu Musik von Kumpels, andere sammeln Geld ein.

ein älterer Bettler im Minibus
mit gerüttelter Stimme

meine sehr verehrten Damen und Herren
mit aller Achtung
die Ihnen gebührt
ich habe AIDS
Tuberkulose
bin drogensüchtig
noch eben
dann ich bin tot
ich habe kein Essen
ich singe Ihnen jetzt die Geschichte meines Lebens

der ältere Bettler erhebt den Bus zur Bühne, singt/spielt.

Mutter/Tochter
ich bin grad geschändet
Mutter

dein Vater ist nicht dein Vater
Kind

die Tochter
bietet sich an

Herr?
Herr?

die Mutter
schreit

du Schlampe du
ich schere dir den Schädel kahl

die Tochter
schreit

ich zittere
glühe
schreie
schreie
stosse die Faust in die Luft
ich will einen Macho
will einen Macho
einen
Macho!

ein Tanzlehrer mit Mädchen kommt auf.

der Tanzlehrer
spricht und klatscht dabei den Rhythmus

Hacke
Zehen
Hacke
Zehen
vor
vor

Hacke
Zehen
Hacke
Zehen
vor
vor

jemand
ruft

jaaaa!
Freundin!

der zur Gruppe gehörende weibliche Kretin tanzt zu einem Lied, das ein Mädchen/eine Frau singt.

Chor von drei oder vier Jugendlichen
wir spucken alle auf den Boden
spucken alle auf den Boden
spucken alle auf den Boden

ein Mädchen mit Brüderchen und Schwesterchen
läuft und rappt

auf der Strasse
auf der Strasse
immer auf der Strasse
Mutter
Brüderchen
Schwesterchen
ich

steht still und singt
das gefällt der Tante nicht
dass wir auf der Strasse schlafen

 

11. vom Kleinsein auf der Strasse

Trommler, ein Mädchen, Stimmen

Trommler
vom Kleinsein auf der Strasse!

singt
als ich klein war
gaben mir alle was
ich schlief an Strassenecken

Stimmen
Ärmste

das Mädchen
singt weiter

suchte Anschluss bei Kinderhorden
hier im Revier
fielen die über mich her
bei mir gab's nichts zu klaun
sie spürten mich wieder und wieder auf
schubsten mich rum
schimpften mich aus
nahmen mich nach und nach auf

 

12. über die Drogen

Trommler, Jugendlicher, zwei kleine Jungs, ein Mädchen, ein Chor von Mädchen, Chor von Kindern

Trommler
über die Drogen!

der Jugendliche
spricht

beim ersten Mal Kleister kotze ich
greife wieder zum Plastikbeutel
denn ohne den Stoff bin ich anders
sie lachen
lachen
ich stehe da

Kleister schafft dir Vergnügen in elendster
Scheisse und immer sehe ich meine
Mutter
rufe ihr Bild auf
sehe ihr Gesicht
ihr schönes
Gesicht
sie ist tot
sagen sie
ich schaue in den Himmel
schaue immer in den Himmel
sehe sie

mein Stoff ist der
Kleister
da treffe ich meine Mutter
meine Familie

mit Kokapaste läuft nichts
Paste radiert dich aus
sehe meine Kumpel verstummen
will sprechen
kann nicht

mit Kleister halluziniere ich geil drauf los
meine Mutter
das Meer

Trommler
immer hinein in das Vergnügen!
immer hinein in die Alpträume!

zwei kleinere Jungs und ein Mädchen mit Kind auf dem Arm spielen das Kleisterschnüffeln samt Halluzinationen. die Jungs schnüffeln, bis sie umfallen. die Mutter mit Kind auf dem Arm erscheint, sucht ihre Kinder, hebt schliesslich das Kind auf dem Arm gen Himmel. die Jungs erheben sich, gehen zu ihr hin, wollen das Kind berühren. eine Stimme ruft: was kostest du. die Mutter schmeisst das hochgehobene Kind auf den Boden, es wird zum Spielball der Kinder. die Mutter verschwindet. die Kinder liegen wieder auf dem Boden.

Chor von Mädchen
immer sehen wir
sie uns misshandeln
und verprügeln
dass die Festzen fliegen
unsere Papas

immer sehen wir
sie uns misshandeln
und verprügeln
dass die Fetzen fliegen
unsere Papas

die Jungs erheben sich, rennen wie unter Fausthieben.

Chor der Kinder
stakkato

wir rennen
rennen
unter
Fäusten
rennen
rennen
unter
Fäusten
rennen
rennen
unter
Fäusten

 

13. vom Klauen auf der Strasse

Trommler, ein Junge, eine Frau, Chor der Kinder

Trommler
vom Klauen auf der Strasse!

der Junge
spricht

als Kind ist es manchmal nicht leicht
wenn einer um seine Sachen flennt
das geht mir an die Nieren
besonders bei Fraun
da kratze ich 'nem Mädchen
beim Ketteklauen die Haut auf
beim Abzerren der Kette
kratze ich ihr die Haut auf
kommt Blut raus

die Frau
schreit

elende Ratte
gib mir die Kette wieder

der Junge
beschwichtigt

beruhigen Sie sich
bitte
verzeihen Sie mir
bitte

Chor der Kinder
er kann die Kette nicht verkaufen
kann die Kette nicht verkaufen
kann die Kette nicht verkaufen

 

14. wo wir auf der Strasse schlafen

Trommler, ein Mädchen, zwei Hunde, ein Maskottchen

Trommler
wo wir auf der Strasse schlafen!

das Mädchen
singt

unten am Fluss gibt's Verschläge
da schläft's sich ruhig und gut
auf der Strasse pennen wir höchstens auf Bänken
auf der Strasse der Einheit
dem Heiligen Martinsplatz

kommen Scharen Kinder zum Schlafen
alle schnüffeln wir Kleister
die ganze Nacht
ganze
Nacht bis wir schlafen
bleiben

zwei Kinder mit einem Maskottchen, ein Vogel, irgendetwas das lebt, vielleicht das Spielballkind. zwei Hunde kommen, umkreisen die Kinder, schnüffeln an ihnen, knurren. die Kinder schmeissen den Hunden das Maskottchen hin. die Hunde kämpfen um das Maskottchen, ziehn ab, einer das Maskottchen in der Schnauze. die Kinder schlafen weiter.

 

15. vom Ausstieg aus den Drogen

Trommler, ein Jugendlicher, singende Stimmen...

Trommler
vom Ausstieg aus den Drogen!

der Jugendliche
spricht

tagaus
tagein
Beutel nach
Beutel
viele Kumpel schaffen sich hinüber

Stimme
singed, nahezu summend

'Kleiner Fels' starb hustend
'Altes Gesicht' kratzte ab
im Maul die Kokazigarette

der Jugendliche
spricht weiter

ich kriege nur Schüttelfrost
Pusteln
das dauert
immer
greife wieder zum Plastikbeutel
mir ekelt
muss kotzen
kotze
greife wieder zum Plastikbeutel
ich Blödmann!
nein
mein Stoff ist nicht mehr mein Stoff

nein
da ist kein Ziel
weswegen ich aufhör
es ist der Exzess
ich bin müde der langen Zeit auf der Strasse
überdrüssig des Schlafens da
mit Ekel erregendem Körper
verklebtem Gehirn

der Zünder?
ich höre
ich könne da raus
ab von den Drogen
weg von der Strasse und
echt
ich tue alles
will raus da

ich schnüffele nicht mehr
rauche nicht mehr
bin Umweltkind
wir pflegen die Grünanlagen der Stadt
sind organisiert in der
Nationalen Gewerkschaft arbeitender Kinder und Jugendlicher unseres prächtigen Landes
ich gehe zur Schule
ja
ich will studieren

die Mädchen da arbeiten in der Bäckerei
dreizehn
vierzehn Jahre alt
ihre Kinder sind bei ihnen
sie gehen zur Schule

 

16. Schliessung unseres Zuhauses durch die Obrigkeit

der Junge vom Anfang, Stimme der Obrigkeit, Vorsprecher und Chor der Nachbarn, ein Kind, alle Kinder

der Junge
spricht

am 17. Mai 2005
kommt eine Hundertschaft
kommt eine Richterin
feuern uns aus unserem Haus

Stimme der Obrigkeit
weg mit diesen
armen Schwachen

die Fronten der Kinder und Nachbarn unter Polizeischutz stehen einander gegenüber.

Vorsprecher und Chor der Nachbarn
Nutten Nutten
Nutten Nutten

ein Kind
fragt

was sind Nutten?

Vorsprecher und Chor der Nachbarn
Dreckschweine Dreckschweine
Schläger Schläger
Drogensüchtige Drogensüchtige
Schwule Schwule
Scheissratten Scheissratten

ein Kind
fragt

was sind Scheissratten?

Vorsprecher und Chor der Nachbarn
verpisst euch verpisst euch
der Stadtteil will Ruhe der Stadtteil will Ruhe
ab in den Knast ab in den Knast
da gehört ihr hin da gehört ihr hin
zur Hölle mit euch zur Hölle mit euch
verpissssst euch verpissssst euch

Chor der Kinder
wir arbeiten
gehn zur Schule
arbeiten
gehn zur Schule
arbeiten
gehn zur Schule

gebt uns unser Haus zurück!
gebt uns unser Haus zurück!
gebt uns unser Haus zurück!

 

17. eine Art Epilog

der Junge vom Anfang, der Chor der Kinder

der Junge
singt

wir liegen wieder auf der Strasse
das ist hart
Herr Richter
Herr Staatsanwalt

rappt
wir kämpfen weiter
für eine bessere Zukunft
woimmer wir sind
wir stehen nicht mehr allein

singt
werden geliebt

spricht
ich bitte Sie um eine Minute Stille für unsere Kameraden
Hermann
Josef
Jesus
Isabella
Peter
einige von uns
die wir des Hauses beraubt sind
seitens der Obrigkeit
ganz schutzlos
starben sie
vor Hunger
Kälte
an Tuberkulose

Chor der Kinder
es ist die Freiheit
du ebtscheidest
willst du bleiben, kannst du bleiben
willst du gehen, kannst du gehen

letzte Korrektur Juni 2010

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