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Wiegenlied der Strasse
oder
die Strassenkinderoper

in siebzehn gespielten, getanzten, gesungenen, gerappten, gesprochenen Szenen

© Sabine Vess

zugrunde liegen ein Interview mit einem Ex-Strassenkind, Interviews mit Strassenkindern, die Schliessung des Zuhauses derer der Strasse in Magdalena del Mar - einem Stadtteil Limas - auf Anordung seiner Obrigkeit im Mai 2005 und eigene Notizen.
der Rapsong Edsons persönlichen Lebens, eines von vielen solcher, begonnen zurzeit des 'Leuchtenden Pfads', ist von Anfang an Teil des Stücks.

nach dem noch erzählerischen Theater im August und November 2005 machen wir uns im September 2006 mit den Kindern und Jugendlichen an die Oper ihres Lebens. anhand des ersten Theatertextes, des Rapsongs von Edson und Szenen während der Arbeit des ersten Jahres bereite ich das Libretto vor. Anfang Oktober 2006 spielen die der Strasse ihre Oper in der 'Universidad Nacional Mayor de San Marcos', der 'Universidad Católica' und dem spanischen Kulturzentrum in Lima.
2007 fangen wir an die, die im Zentrum Limas auf der Strasse leben, mit einzubeziehen.
im Oktober 2008 können wir ein Pilot-Projekt für eine Kampagne durch die mittleren und höheren Schulen Limas lancieren. die der Strasse bringen ihr Leben auf Schulen und gehen anschliessend mit den Schülern in Diskussion. von Edson fügen wir einen zweiten Gesang ein.
2009 fangen wir an auch Kinder und Jugendliche, die ausserhalb des Zentrums unter den Brücken von Puente Nuevo ihr Lager haben, mit einzubeziehen.

info@sabinevess.nl

 

eine Einführung in die Welt der Kinder und Jugendlichen während der Proben 2005 auf der Strasse und in den Häsern, in denen wir mit ihnen arbeiten

die der Strasse haben eigene
Bewegungen
Rhythmen
Wiederholungen

stehen
anschaffen
kämpfen
schnüffeln
rauchen

drängen sich
rein ins Haus
raus
gehen
kommen
liegen
übereinander gelegt in Ecken
das hält auf der Strasse nachts warm

Hunde schleichen vorbei
Busse kreischen
Autos hupen
irgendwo
Schritte

im Haus läuft die spastische geistig Zurückgebliebene mit Rucksack hin und her, treppauf, treppab, wimmert, schlägt sich die Hand gegen den Schädel. der weibliche Kretin schreit, lacht. Kinder werden in und vor Bäuchen geschleppt. die Dreizehnjährige, gerade auf der Strasse vergewaltigt, hört, ihr Vater sei nicht ihr Vater, dreht durch, rennt rum, wirft sich den Männern an die Hälse, tanzt in durchsichtigem Kleidchen. man schlurft. bleibt liegen. kommt, sagt seinen Text, legt sich irgendwo hin, rennt weg.

Seifenopern im Fernsehen. der Ton zerknallt einem die Ohren, ich drehe ihn ab, sie drehen ihn auf.
sich bewegen wie die Schönen, die Rapper! sie greifen zum Mikrofon, zu allem, was wie ein Mikrofon aussehen könnte.
kommen müde vom Job. wollen nicht, nichts. niemand kriegt sie aus dem Bett. machen Hausaufgaben, üben Zirkusnummern, trommeln, rütteln an verschlossener Tür.
im Gefängnis stumpfen sie ab.
was sie erfahren haben und erfahren, steht Schatten gleich in ihren Leibern, spielt mit, legt sich auf Bewegungen, Rhythmus, Sprache. alles kann gleich wieder abbröckeln, gleich wieder abgenommen werden, sich schier endlos verzögern.

in diesem instabilen 'Raum' fangen sie an ihr Leben zu bringen.
ihr Rappen ist eher ein rhythmisches Sprechen, das ihnen die Texte ihres Lebens ins Gehirn treibt, ihnen hilft sie sich einzuverleiben, ihr Gesang atonal, sie können Tonhöhen nicht halten.

 

Reihenfolge der Szenen

    1. hier herrscht Freiheit
    2. vom Schaffen eines Zuhauses für unsereins in einem Haus in einem normalen Stadtteil
    3. aus dem Leben auf der Strasse und eher zuhause
    4. über Unterricht gesprochen
    5. Rapper Rappos Geschichte
    6. das Tischgebet
    7. die Proklamation
    8. Geduld
    9. Szenen in Bussen, auf der Strasse, im Haus
    10. vom Kleinsein auf der Strasse
    11. über die Drogen
    12. vom Klauen auf der Strasse
    13. wo wir auf der Strasse schlafen
    14. vom Ausstieg aus den Drogen
    15. Rapper Rappos zweiter Gesang
    16. die Schliessung des Zuhauses auf Anordnung der Obrigkeit
    17. die Folgen der Schliessung des Zuhauses

in Peru singen die der Strasse anschliessend ihre Hymne, machen Musik, tanzen.

Zahl und Können der Spieler schwanken von Mal zu Mal. ein sich verschiebender Kern trägt die Oper.

 

1. hier herrscht Freiheit

zwei Jugendliche und der Chor aller Kinder

erster Jungendlicher
singt

hier herrscht Freiheit
du entscheidest
willst du bleiben, kannst du bleiben
willst du gehen, kannst du gehen

rappt
wir leben solange schon frei auf der Strasse

Rufchor der Kinder
frei
frei
frei

erster Jugendlicher
rappt weiter

unstetes Leben
kein fester Platz
alles ist flüchtig
und immer dem Heute und Hier verhaftet
erhoffen wir nichts und nie von morgen
es herrscht nur jetzt

Rufchor der Kinder
jetzt
jetzt
jetzt

erster Jugendlicher
rappt weiter

und immer droht uns Gefahr von den Grossen
den vielen grossen
erwachsenen Leuten
die es gern mit Kleinen treiben

Chor der Kinder
es gern mit Kleinen treiben
es gern mit Kleinen treiben
es gern mit Kleinen treiben

erster Jugendlicher
rappt weiter

und niemand und nichts bietet Schutz

und Kinder finden wir Schutz bei Kindern
Kinder etwa gleichen Alters passen wir auf einander auf
beschützen einander vor den Grossen
auch den Bullen

immer dreschen die
auf uns ein

Rufchor der Kinder
dreschen
dreschen
dreschen

erster Jugendlicher
rappt weiter

führen uns ab aufs Revier
lassen uns ihre Klosetts putzen
vierundzwanzig Stunden lang
manchmal länger
halten uns zwei
drei Wochen fest
und keiner tritt je für uns ein

zweiter Jugendlicher
rappt

da kommt diese Frau
kämpft für mich
kämpft um mich
ganze Nächte
gibt nicht auf

sie nehmen mich fest
nachts gegen eins
und keiner kommt mich verteidigen

wenn keiner mich verteidigen kommt
morgen
ja morgen
geht's ab in den Knast

Rufchor der Kinder
ab in den Knast
ab in den Knast
ab in den Knast

zweiter Jugendlicher
rappt weiter

der Morgen ist da
ich rufe sie an
sie kommt
spricht mit den Bullen
klärt sie auf
über meine Rechte
streitet mit ihnen bis in die Puppen

Rufchor der Kinder
streitet
streitet
streitet

zweiter Jugendlicher
singt

endlich, endlich kann ich raus da

Chor der Kinder
alle kommen wir raus
alle, alle kommen wir raus
alle, alle kommen wir raus

zweiter Jugendlicher
rappt

da kapiere ich echt
dass ein Mensch uns hilft
ein Mensch der sagt:
da bin ich
ich bin nicht deine Mutter
bin ein Niemand
aber ich bin für dich da

nie kümmerte sich einer um mich
nie suchten mich meine Eltern
irrte ich
weg, nur
weg durch die Stadt

und dieses Etwas
unsereins fremd
und ich glaube, das ist der springende Punkt
willst du da raus
dass einer sich um dich kümmert

denn
wenn einer sich um dich kümmert
dann fühlst du dich geliebt
dir geholfen
dich bestärkt
von einem
der da sagt:
schau
ich bin für dich da
ich verteidige dich
du bist nicht allein auf der Strasse

das
dass ein Mensch sich unsereins annimmt
macht dass wir uns ändern

Rufchor der Kinder
uns ändern
uns ändern
uns ändern

zweiter Jugendlicher
spricht

nicht heute
nicht morgen
nein
nicht alle

erster Jugendlicher
spricht

das Personal ist
von der Strasse wie wir
die machen sich
etwa wenn sie aus Unkenntnis Fehler machen
so lernen sie

durchtränkt der Strasse
geschmiedet im Feuer
der Kälte da
Verachtung
Tritte gewohnt und
Freiheit - na ja
machen sie sich dran
mit uns
fürs Haus eine Ordnung zu schaffen
eine Grammatik des Miteinanders
aufgrund unseres Wissens
des von uns erworbenen Wissens

 

2. vom Schaffen eines Zuhauses für unsereins in einem Haus in einem normalen Stadtteil

Chor der Kinder und zwei, drei kleine Nachbarmädchen

die Kinder und Jugendlichen bauen an ihrem Zuhause, üben Zirkusnummern. kleine Nachbarmädchen singen einen Abzählreim mit für sie noch unverständlichen Worten.

Chor der Kinder
die Melodie von Paul Hindemiths: 'wir bauen eine neue Stadt'
wir bauen hier ein neues Haus
es soll das allerschönste sein
es soll das allerschönste sein
allerschönste
allerschönste
allerschönste

wir bauen hier ein neues Haus
es soll das allerschönste sein
es soll das allerschönste sein
allerschönste
allerschönste
allerschönste

wir bauen hier ein neues Haus
es soll das allerschönste sein
es soll das allerschönste sein
allerschönste

Mädchen der Nachbarn
Nutten

Chor der Kinder
allerschönste

Mädchen der Nachbarn
Nutten

Chor der Kinder
allerschönste

Mädchen der Nachbarn
Dreckschweine
Schläger
Drogensüchtige
Schwule

Scheissratte!
ab!

Nutten
Nutten
Dreckschweine
Schläger
Drogensüchtige
Schwule

Scheissratte!
ab!

Nutten
Nutten
Dreckschweine
Schläger
Drogensüchtige
Schwule

Scheissratte!
ab!

 

3. aus dem Leben auf der Strasse und eher zuhause

zwei Frauen(stimmen), zwei Mädchen, Chor von Leuten, eine Stimme, zwei Männer(stimmen)

zwei Frauen(stimmen)
sprechen oder singen

schaut, schaut!
der Polizist uriniert auf die Kleine
zieht den Knüppel

Rufchor von Leuten
nicht hinschauen
nicht hinschauen

erstes Mädchen
singt

als Kind schon hab' ich viel abgekriegt
das Leben springt hart mit mir um
Polizisten pissen sogar auf mich
versetzen mir ordentlich Prügel und Tritte

eine Stimme
Ratten haben keine Seele

erstes Mädchen
spricht weiter

es gibt keine Regeln
und keiner sagt je:
Schluss!
aus!

Rufchor der Kinder
Schluss!
aus!
Schluss!
aus!
Schluss!
aus!

erstes Mädchen
spricht weiter

niemand zollt uns Respekt

eine Stimme
tuschelt

die wollen Respekt

Chor von Leuten
wollen Respekt
wollen Respekt
wollen Respekt

zwei Männer(stimmen)
sprechen oder singen

auf der Strasse herrschen
Prügel rechts und
Prügel links
so lautet das Gesetzt

Chor von Leuten
Ratten haben keine Seele
Ratten haben keine Seele
Ratten haben keine Seele

erstes Mädchen
singt weiter

und all die Anstalten
wo man kaum da
das Misshandeln schon losgeht

die zwei Männer(stimmen)
sprechen oder singen

in Anstalten herrschen
Misshandlungen rechts und
Misshandlungen links und
Spritzen rechts und
Spritzen links
so lautet das Gesetzt

Chor von Leuten
Ratten haben keine Seele
Ratten haben keine Seele
Ratten haben keine Seele

Trommler
Gewalt
Gewalt
Gewalt

zweites Mädchen
spricht oder singt

meine Eltern kreischen
schlagen sich die Schädel ein
Hände
prügeln
Hände
beglabschen mich
Mama!

Chor dreier Männer
wir schänden kleine Mädchen
dreizehn
vierzehn
Jahre alt

zweites Mädchen
spricht

Mama schreit

Rufchor der drei Männer
du Schlampe du!

zweites Mädchen
spricht

ich klage an!

Rufchor der drei Männer
wir bestechen

zweites Mädchen
spricht

ich will Liebe

Chor der drei Männer
Liebe
Liebe
Liebe
Liebe

Chor von Leuten
Ratten haben keine Seele
Ratten haben keine Seele
Ratten haben keine Seele

Chor anderer Leute
die wollen Respekt
wollen Respekt
wollen Respekt

zweites Mädchen
spricht

ich klage an!

Rufchor der drei Männer
wir bestechen

zweites Mädchen
spricht

ich will Liebe

 

4. über Unterricht gesprochen

ein Jugendlicher, zwei Rufchöre von Kindern, Rapper Rappo

der Jugendliche
spricht oder rappt

wir von der Strasse gingen gern zur Schule
von Anfang an ist das uns versagt
wir haben keine Schuhe
keine Uniformen
ich habe oft vor Ohnmacht geheult
konnte nicht denken

erster Rufchor von Kindern
Ohnmacht
Ohnmacht

zweiter Rufchor von Kindern
Wut
Wut

erster Rufchor von Kindern
Ohnmacht
Ohnmacht

zweiter Rufchor von Kindern
Wut
Wut

beide Rufchöre
Rappo
Rappo
Rappo

 

5. Rapper Rappo und seine Geschichte

Rapper Rappo mit Soundtrack und Mikrofon
Rufchöre von Kindern von Leuten, Stimmen

Raper Rappo
OK
OK
ich bin Rappo
ich singe euch jetzt die Geschichte meines Lebens
eines Lebens
vieler Leben in
diesem prächtigen Land

kaum hält meine Mutter mich liebevoll im Arm
1982
überkommt das Land ein grausamer Alptraum
ein grausamer Alptraum

Soldaten der Regierungstruppen ermorden unschuldige
Väter
Mütter
Söhne
Töchter
ermorden meinen Vater
ermorden meine Mutter
es fliesst viel Blut
fliesst viel Blut

Chor von Leuten
Blut
Blut
Blut

Rapper Rappo
ganz klein noch und
ohne Erklärung für all die verschwundenen Leben
das viele
Blut in der Stadt meiner Leute steh' ich
allein

wo bleibst du Regierung
wenn deine Soldaten unschuldige Menschen
abknallen
und Waisen des Laufens kaum fähig
ziellos der Strasse anheim-
fallen

ich weiss
weiss
bin einer nur
der Familie beraubt
der Familie beraubt
vor Armut der Strasse Beute
gibt's ganze Heere auf Erden

behandle uns sorgsam
meine Leute fordern's
Kinder werden geboren zu leben
nicht misshandelt
missbraucht zu werden

die Stimme des Kindes erhebt sich
doch du Regierung weist uns ab

ihr da oben
was ich euch sage
wisst ihr:
Korruption herrscht weiter
landauf
landab
lasst uns kämpfen ihrem Druck zu widerstehen

ihr seht
hört
sagt ja und
tut nichts
eure Hände sind schmutzig schmutziger Geschäfte
ist euer Lieblingsspiel doch Korruption

auf die Strasse gespuckt
nicht die Spur Verständnis
rechts
links
lassen Scharen Kinder
sich auf Drogen
ein
unterwerfen sich deren Gesetzen, deren
mordenden Gesetzen
das Erlittene zu vergessen
Hunger und Kälte nicht länger zu spüren
nicht länger dran denken zu müssen
schauen Gesichte der sie liebenden Mutter
die lange schon tot
verkümmern massenhaft
krepieren unter Ratten, die

Droge ist eine
Weltseuche
lange schon
keine Lappalie, die
Behandlung hart, oft
abgebrochen
jeder Abbruch von jetzt an der sichere
Tod, es ist
schwer mit zerfressenen Lungen zu
sprechen

wir der Strasse brauchen
Hilfe, brauchen
Verständnis, brauchen
Liebe
unsere Rechte missachtend
ja, die Rechte sind auch unsere
Rechte
schnauzen die
Ordnungshüter uns an
schlagen
treten uns
führen uns
ab

zischende Leute
nichtsnutzige
Scheissratten

Rapper Rappo
wir kennen nur eine Frau
die für unsere Rechte kämpft
jedem von uns ihre Liebe schenkt
wie eine Mutter
uns Obdach bietet

verehrter Herr Richter
verehrter Herr Staatsanwalt
wir sind müde all der Misshandlungen
müde aller Korruption

Chor von Leuten
es wachse die Armut
bereichere sich der Reiche
werde immer habsüchtiger und
erbarmungsloser

 

6. das Tischgebet

Vorsänger und Chor der Kinder
gregorianischer Gesang

Vater unser Vater unser
der Du bist im Himmel der Du bist im Himmel
geheiligt werde Dein Name geheiligt werde Dein Name
wir danken Dir wir danken Dir
für das Essen für das Essen
mögen alle Kinder mögen alle Kinder
Essen haben Essen haben (und Saft)
im Namen des Vaters im Namen des Vaters
und des Sohnes und des Sohnes
und des Heiligen Geistes und des Heiligen Geistes
Amen Amen

ein Kind
fragt

was ist Heiliger Geist?

 

7. die Proklamation

ein Sprecher, eine Stimme, Chor von Leuten, ein Kind

eine Szene wie im Hydepark.

der Sprecher
wir internieren alle
Armen
Schwachen
Kinder
Alten
dass die Welt freudiger strahle
freudiger strahle

Chor von Leuten
dass die Welt freudiger strahle
freudiger strahle

der Sprecher
die Kastration hat noch nicht begonnen
es geht um die Hälfte
Zweidrittel der Weltbevölkerung

hiermit erklären wir die Strasse zum Internierungslager
die Strasse ist das reinste Gefängnis

Chor von Leuten
das reinste Gefängnis

der Sprecher
singt

namens der frohen Botschaft
schnüren wir allen den Mund
schnüren sich alle den Mund - von selbst
schlachten unsre tapfren Soldaten
Hunderte
Millionen

eine Stimme
sagt

ein Heiliger!

Chor von Leuten
ein Heiliger!

ein Kind
fragt

was ist ein Heiliger?

 

8. Geduld

ein Junge
rapt

unser Problem ist
wir wollen alles schnell, schnell
sind immer in Eile
müssen Geduld
üben
uns in Geduld
üben
Geduld mit uns selbst
Geduld mit denen
die uns helfen wollen

gewohnt von der Hand in den Mund zu leben
dass heute nur zählt
jetzt
jetzt
jetzt
schaffen wir knapp die kalte Nacht wie
die Mädchen und Jungs im Zentrum
die auf'n Strich gehn
sich voll pumpen
stehlen

 

9. Szenen in Bussen, auf der Strasse, im Haus

ein Bauchladenhändler, zwei Bettelkinder, ein älterer Bettler, ein Tanzlehrer mit Mädchen, der weibliche Kretin, Chor von drei oder vier Jugendlichen, ein Mädchen mit Brüderchen und Schwesterchen

diese Szenen werden von Kindern und Jugendlichen als Spiel gespielt. mit dem Tanzlehrer und dem Tanz des weiblichen Kretins befinden wir uns eben in der Wirklichkeit eines der Häuser.

ein Bauchladenverkäufer im Minibus
mit gerüttelter Stimme

meine sehr verehrten Damen und Herren
mit allem Respekt
der Ihnen gebührt
guten Tag
gute Nacht
ich verkaufe Bonbons

Bonbons?
Bonbons?
Bonbons?

ein Bettelkind im Minibus
mit gerüttelter Stimme

meine sehr veehrten Damen und Herren
mit allerm Respekt
meinen Geschwisterchen
mir
fehlt das tägliche Brot

Brot?
Brot?
Brot?

ein Bettelkind im Minibus
mit gerüttelter Stimme

verehrte gnädige
Frauen
Eltern
Herren
bitte
zwei Cent

zwei Kleine tanzen im Stau auf der Strasse zu Musik von Kumpels, andere sammeln Geld ein.

ein älterer Bettler im Minibus
mit gerüttelter Stimme

meine sehr verehrten Damen und Herren
mit allem Respekt
der Ihnen gebührt
ich habe AIDS
Tuberkulose
bin drogensüchtig
noch eben
und ich bin tot
ich habe kein Essen
ich singe Ihnen jetzt die Geschichte meines Lebens

der ältere Bettler erhebt den Bus zur Bühne, singt/spielt.

Mutter/Tochter
ich bin grad geschändet
Mamachen

dein Vater ist nicht dein Vater, mein
Kindchen

die Tochter
bietet sich an

ich tue alles, was Sie wünschen
ich tue alles, was sie wünschen

die Mutter
schreit

du Schlampe du!
ich schere dir den Schädel

die Tochter
schreit

ich zittere
glühe
schreie
schreie
stosse die Faust in die Luft
ich will einen Macho
will einen Macho
einen
Macho!

ein Tanzlehrer mit Mädchen kommt auf.

der Tanzlehrer
spricht und klatscht dabei den Rhythmus

Hacke
Spitze
Hacke
Spitze
vor
vor

Hacke
Spitze
Hacke
Spitze
vor
vor

der Kretin
ruft

meine
Lieben!

der Kretin tanzt zu einem Lied, das ein Mädchen/eine Frau singt, schmeisst Kusshändchen ins Publikum.

Chor von drei oder vier Jugendlichen
wir spucken auf den Boden
spucken auf den Boden
spucken auf den Boden

ein Mädchen mit Brüderchen und Schwesterchen
läuft und rappt

auf der Strasse
auf der Strasse
immer auf der Strasse
Mama und
Brüderlein und
Schwesterlein und
ich

steht still und singt
nein, das mag die Tante nicht
dass wir auf der Strasse schlafen

 

10. vom Kleinsein auf der Strasse

Trommler, ein Kind, Stimmen

Trommler
vom Kleinsein auf der Strasse!

singt
als ich klein war
gaben mir alle was
ich schlief an Strassenecken

Stimmen
Armes!

das Kind
singt weiter

suchte Anschluss bei Kinderhorden
hier im Revier
die stürzten sich auf mich
filzten mich
was hatte ich schon
schubsten mich rum
schimpften mich aus
nahmen mich nach und nach auf

 

11. über die Drogen

Trommler, Jugendlicher, zwei kleine Jungs, ein Mädchen, ein Chor von Mädchen, Chor von Kindern

Trommler
über die Drogen!

der Jugendliche
spricht

beim ersten Mal Kleister kotze ich
greife wieder zum Plastikbeutel
wer nicht schnüffelt, bleibt draussen
sie lachen mich aus
stehe blöd da

in elendster Scheisse
schafft Kleister Vergnügen
und immer sehe ich meine
Mutter
rufe sie her
sehe ihr Gesicht
ihr schönes
Gesicht
sie ist tot
sagen sie
sie ist tot
ich schaue in den Himmel
schaue in den Himmel
sehe ihr Gesicht

mein Stoff ist der
Kleister
da bin ich bei meiner Mutter
bin ich meiner Familie

mit Kokapaste läuft nichts
Kokapaste radiert einen aus
sehe meine Kumpel verstummen
will sprechen
kann nicht

mit Kleister träme ich geil drauf los
meine Mutter
das Meer

Trommler
rein ins Vergnügen!
rein in die Hölle!

zwei kleinere Jungs und ein Mädchen mit Kind auf dem Arm spielen das Kleisterschnüffeln samt Halluzinationen. die Jungs schnüffeln, bis sie umfallen. die Mutter mit Kind auf dem Arm erscheint, sucht ihre Kinder, hebt schliesslich das Kind gen Himmel. die Jungs erheben sich, gehen zu ihr hin, wollen das Kind berühren. eine Stimme ruft: was kostest du. die Mutter schmeisst das hochgehobene Kind auf den Boden, es wird zum Spielball der Kinder. die Mutter verschwindet. die Kinder liegen wieder am Boden.

Chor von Mädchen
immer sehen wir
sie uns misshandeln
und verprügeln
dass die Festzen fliegen
unsere Papas

immer sehen wir
sie uns misshandeln
und verprügeln
dass die Fetzen fliegen
unsere Papas

immer sehen wir
sie uns misshandeln
und verprügeln
dass die Fetzen fliegen
unsere Papas

die Jungs erheben sich, rennen wie unter Fausthieben.

Chor der Kinder
stakkato

rennen
rennen
unter
Fäusten
rennen
rennen
unter
Fäusten
rennen
rennen
unter
Fäusten

 

12. vom Klauen auf der Strasse

Trommler, ein Junge, eine Frau, Chor der Kinder

Trommler
vom Klauen auf der Strasse!

der Junge
spricht

als Kind ist es manchmal nicht leicht
wenn einer um seine Sachen flennt
das geht mir an die Nieren
besonders bei Frau'n
da kratze ich einer
beim Ketteklauen die Haut auf
beim Runterreissen der Kette
kratze ich ihr die Haut auf
kommt Blut raus

die Frau
schreit

elende Ratte
meine Kette!

der Junge
beschwichtigt

beruhigen Sie sich, gnädige Frau
bitte
verzeihen Sie mir...

Chor der Kinder
er kann die Kette nicht verkaufen
kann die Kette nicht verkaufen
kann die Kette nicht verkaufen

 

13. wo wir auf der Strasse schlafen

Trommler, Kinder, ein Maskottchen, ein Hund

Trommler
wo wir auf der Strasse schlafen!

ein Kind
singt

wir liegen zuhauf in Löchern am Fluss
auf Bänken im ehrwürdigen Zentrum
tauchen in Gruppen im Dunkeln da auf
hauen uns hin
pumpen uns voll
bis wir schlafen bleiben

die Kinder mit einem Maskottchen, mit irgendetwas, das lebt, vielleicht das Spielballkind. der Hund kommt auf, umkreist die Kinder, schnüffelt an ihnen, knurrt. die Kinder schmeissen dem Hund das Maskottchen hin. der zieht ab, das Maskottchen in der Schnauze schüttelnd. die Kinder schlafen weiter. es können auch zwei Hunde sein.

 

14. vom Ausstieg aus den Drogen

Trommler, ein Jugendlicher, singende Stimmen...

Trommler
vom Ausstieg aus den Drogen!

der Jugendliche
spricht

tagaus
tagein
Beutel nach
Beutel
viele der Kumpels schaffen sich weg

Stimme
singed, nahezu summend

'Kleiner Fels' starb hustend
'Alte Fratze' kratzte ab
im Maul die Kokazigarre

der Jugendliche
spricht weiter

ich kriege nur Schüttelfrost
Pusteln
das dauert
immer
greife wieder zum Plastikbeutel
mir ekelt
muss kotzen
kotze
greife wieder zum Plastikbeutel
Blömann, ich Blödmann!
nein
mein Stoff ist nicht mehr mein Stoff

nein
da ist kein Ziel
weswegen ich aufhör
ich habe es satt
bin müde all der Zeit auf der Strasse
des Schlafens im Dreck
mit Ekel erregendem Leib und
verklebtem Gehirn

der Zünder ist
dass ich höre
ich könne echt raus da
ab von den Drogen
weg von der Strasse, und
setze alles dran
will raus da

ich schnüffele nicht mehr
rauche nicht mehr
bin Umweltkind
wir pflegen die Grünanlagen der Stadt
gehören der
Nationalen Gewerkschaft arbeitender Kinder und Jugendlicher unseres prächtigen Landes an
ich gehe zur Schule
will studieren

ja, die Mädchen da
arbeiten, ja
dreizehn
vierzehn Jahre alt
ihre Kinder sind bei ihnen
sie gehen zur Schule

 

15. Rapper Rappos zweiter Gesang vom Leben auf der Strasse

leben auf der Strasse ist schwer
mach's
denkst es sei leicht

meine eiskalten
Kinderfüsschen erinnere ich gut
einziger Ausweg der Wunderkleister im
Plastikbeutel und
rechts
links
alle mit
Plastikbeuteln
Freunde, alles Freunde

ich bin Zeuge
dieser mit zerlupmten Kleidern umhängten Gestalten
die stark sich wähnen
stark
stark
stark
viele der Kumpels hat der Tod
schon geholt

mörderische Gesetze
keine Lösung
so ist das Leben
mein Lieber
kämpfst'e nicht
gehst'e vor die Hunde

dich berauschen?
na ja
ich wusste nicht ein noch aus
brauchst 'ne Menge Sachen als Kind
jagst hierhin, dahin
in der riesigen Stadt

so viele Stimmen

vermaledeiter Kleister du
wie oft habe ich dich nicht geschnüffelt
mich voll zu saugen mit Illusionen
mich wohler zu fühlen
zu denken es gäbe kein Übel
das, nur das

leben auf der Strasse ist schwer
du hast keine Wahl
musst aushalten

nachts weinen meine Augen
weint der Himmel
weinen alle über irgendetwas
muss weitermachen
'ne Lösung suchen

da richtet der Bulle
den Revolver auf mich
im Anschlag
Mann, frage ich
was hast du
was ist
Chef
ich bin erst elf
hab nichts auf'm Kerbholz

er drischt auf mich ein
führt mich ab aufs Revier
zack!
ich kriegte kaum Luft
zack!

bis heute erinnere ich diesen Idioten
der meine Aufsässigkeit schürte
meine Wut
hat sich mir eingekerbt

ich erinnere meine Gehege genau
die Grau
der Platz Bolognesi
mein Gott!
all die Strassen
all die Nächte im Loch
misshandelten Leibes

ich, ich bin nicht Schuld an meinem Schicksal

jemand gab meinem Weg 'ne andere Richtung
mit Ziel
die Erinnerung bleibt

 

16. Schliessung des Zuhauses auf Anordnung der Obrigkeit

der Junge vom Anfang, Stimme der Obrigkeit, Vorsprecher und Chor der Nachbarn, ein Kind, alle Kinder

die Front der Kinder steht der der Nachbarn unter Polizeischutz gegenüber.

der Junge
spricht

am 17. Mai 2005
kommt eine Hundertschaft
kommt eine Richterin
feuern uns raus
aus dem Haus
auf die Strasse

Stimme der Obrigkeit
weg mit diesen
stinkenden Armen

Vorsprecher und Chor der Nachbarn
Nutten Nutten
Nutten Nutten

ein Kind
fragt

was sind Nutten?

Vorsprecher und Chor der Nachbarn
Dreckschweine Dreckschweine
Schläger Schläger
Drogensüchtige Drogensüchtige
Schwule Schwule
Scheissratten Scheissratten

ein Kind
fragt

was sind Scheissratten?

Vorsprecher und Chor der Nachbarn
verpisst euch verpisst euch
der Stadtteil will Ruhe der Stadtteil will Ruhe
ab in den Knast ab in den Knast
da gehört ihr hin da gehört ihr hin
zur Hölle mit euch zur Hölle mit euch
verpissssst euch verpissssst euch

Chor der Kinder
wir arbeiten
gehen zur Schule
wir arbeiten
gehen zur Schule
wir arbeiten
gehen zur Schule

gebt uns unser Haus zurück!
gebt uns unser Haus zurück!
gebt uns unser Haus zurück!

 

17. die Folgen der Schliessung

der Junge vom Anfang, der Chor der Kinder

der Junge
singt

wir leben wieder auf der Strasse
das ist hart
Herr Richter
Herr Staatsanwalt

rappt
wir kämpfen weiter
für ein besseres Morgen
woimmer wir sind
wir stehen nicht länger allein

singt
werden geliebt

spricht
ich bitte um eine Minute Stille für unsere Kameraden
Hermann
Josef
Jesus
Isabella
Peter
einige von uns
die wir des Hauses beraubt wurden
seitens der Obrigkeit
schutzlos
starben sie
vor Hunger
vor Kälte
an Tuberkulose

Chor der Kinder
hier herrsch Freiheit
du entscheidest
willst du bleiben, kannst du bleiben
willst du gehen, kannst du gehen

 

letzte Korrektur November 2011

 

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