index prosa

DER SÜDEN

© Sabine Vess

Das Leben da, diese eine Woche. Heiss dröhnt es in mir. Keiner hört es. Und dann sitze ich wieder allein. Jeder ist an seinen Platz zurückgekehrt. Das denke ich.

Kurz haben wir uns gesehen, unsere tägliche Gemeinschaftsstunde. Wir gehen zu Tisch, stopfen das Essen, schütten das Trinken in uns hinein, bewegen die Lippen, lächeln. Laute kommen aus unseren Mündern. Keiner reagiert auf die eines anderen. Manchmal bleibt ein Wort hängen, nur ein Wort. Unsere Augen, die Bewegungen in unseren Gesichtern, unsere Stimmen verraten, aus welchen Tiefen unsere Laute kommen, wo und wie in uns sie sich brechen. Keiner schaut den anderen direkt an. Wir stossen unsere Laute aus, schleudern sie in den Kreis. Alle. Gleichzeitig. "Hier!" "Hier!" "Ich!" "Mein!" "Mein!" "Ich!" Irgendwann schrie ich. Mein Hals. Es presste sich aus mir heraus. Mein glühendes verzerrtes Gesicht. Die Augen quollen mir aus dem Kopf. Nichts. Den ganzen Tag über ist niemand da. Wie sich das bei den anderen verhält, weiss ich nicht. Nach einer Stunde erheben wir uns, brechen unsere Schwalle ab, verlassen den Raum. Lösten sich die anderen auf der Schwelle schon in nichts auf, meine Lage bliebe die gleiche. Mit dem Erreichen der Schwelle verschwinden sie aus meiner Sicht, sind weg. Am nächsten Tag, zur festgesetzten Stunde, finden sie sich wieder ein. Ich auch. Wir gehen zu Tisch.

Ich gehe wieder auf mein Zimmer. Es ist ziemlich geräumig. Da kann ich mich ungehindert bewegen. Es schaut auf die Strasse. Leute gehen vorbei. Ich darf raus, darf alles tun. Ich gehe auf mein Zimmer.

Wir dürfen uns während dieser Gemeinschaftsstunde anfassen. Das ist angenehm. Die anderen sind warm. Das tut mir gut.

Und einmal pro Jahr fahren wir in den Süden. Leben da. Eine Woche lang. Da gibt es heisse Sonne, blaue klare Hitze, Tag für Tag, weissen Strand und Meer. Wir haben dafür immer nur eine Woche Zeit.

Meer gibt es hier auch und weissen Strand auch, aber Sonne, Wärme, diese blaue klare Hitze - unser Himmel ist nur selten blau. Er ist grau. Und der Wind peitscht das Wasser, das aus ihm fällt, übers Land.

Die Menschen hier tragen immer etliche Hüllen um ihre Leiber geschlungen. Ihre Bewegungen sind steif, ihre Gesichter straff, zu. Und immer müssen sie sich gegen den nassen Wind stemmen.

In meinem geheizten Zimmer, manchmal in der Sonne, wenn sie im Sommer wie jetzt für ein paar Tage blass scheint, werden meine Bewegungen sacht, geschmeidig. Nackt lege ich mich in den kleinen Garten hinter unserem Haus, zwischen Wegerich und Kamille, Salbei, Klee.
Was die anderen tun, weiss ich nicht. Man schaut nicht in anderer Zimmer, nicht in ihre Gärten. Hohe Zäune, Mauern umgeben unsere winzigen Gärten. Sie hatten mich gefragt, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie ihre Zäune errichteten. Ich hatte nichts dagegen.

An sonnigen Sommertagen hängen graue Trägerbändchen, aus ärmellosen Blümchenblusen gerutscht, auf unförmigen fahlen laschen Oberarmen voller Pickel. Die Haut wird rot. Wenn sie die Trägerbändchen wieder unter die Bluse schieben, sind graue Streifen im Rot zu sehen.
Ächzend, mit schmerzverzerrten roten Gesichtern schleppen sie sich durch die Strassen. "Diese Hitze!", sagen sie und wischen mit dem Handrücken über die Stirn. Dabei ist diese Hitze nur ein Abklatsch verglichen mit der im Süden. Wenn sie einander grüssen, blasen sie erst aus, weichen dabei etwas zurück.

Vielleicht sind sie ganz glücklich. Zufrieden. Ich sehe ja nur ihre Bewegungen, sehe, wie sie sich zeigen - mir, einander - höre ihre Laute. Ich kann ihre Bewegungen nicht wirklich nachempfinden, begreife sie nicht, weiss nicht, wie und wo sie in ihnen entstehen, gebrochen werden. Eigentlich weiss ich nichts von diesen Leuten hier. Jahrelang bewegte ich mich wie sie. Das dachte ich. Alles schmerzte.

Ich wohne schon so lange hier. Aber davor wohnte ich woanders und davor woanders und davor und davor und davor woanders.

Meine Vorfahren zogen herum, immer wieder los. Auch ich bin wieder losgezogen. Wir kommen irgendwo hin. Schauen uns die Bewegungen der Leute an. Ahmen die Bewegungen nach. Führen sie den Leuten vor. Da wir über ihr Entstehen nichts wissen, sie nicht in uns fühlen, kommen wir über Posen und Possen nicht hinaus. "Gut so!", rufen die Leute, geben uns Essen und Trinken. Wir gehören nicht wirklich dazu. Dann langweilen uns die Posen und Possen. Es kommt auch niemand mehr. Dann ziehen wir weiter. So lebten wir generationenlang. Es fiel uns nicht schwer weiterzuziehen. Wir hatten ja nichts, das uns hätte festhalten können, keine Möbel, nichts. Nur uns selbst, ein paar Utensilien.

Wir haben keine Vergangenheit, keine, die uns irgendwo hat verwurzeln können. Wir nähren uns nicht aus der verwesenden Erde unter und um uns. Darum wissen wir auch nichts über Bewegungen, nicht wirklich, darum vielleicht. Wesenlos starren wir die Menschen an. Wir müssen den Ablauf der Bewegungen kennen. Gern wüssten wir, wie sie entstehen. Unser Ursprung wurde verwüstet. Das ist lange her. Nur zwei konnten sich retten. Sie konnten keinen Vertrauten mehr fragen: "Wie? Sag uns wie!" Sie standen in ihren Trümmern und sahen Leute laufen. Auch sie wollten das tun. Fest standen sie in den Trümmern, wussten nicht, wie man das eine Bein vor das andere setzt. Rissen schliesslich das eine Bein mit ihren Händen aus den Trümmern und setzten es ein Stückchen weiter wieder rein, in die Trümmer. Und dann das andere Bein. Oft konnten sie ihr Gleichgewicht nur unter verzweifelter Anstrengung halten. Es muss lächerlich ausgesehen haben. Es war blutiger Ernst. Ihre Gesichter verrieten das. Dann schafften sie es ohne Hände. Ein wenig steif liefen sie.
Seit diese Zwei in den Trümmern standen, üben wir Bewegungen nach Vorbildern, ahmen sie nach. Seitdem trinken wir.

Es gab Männer unter uns, auch Frauen - darüber spricht man nicht! -, es gab Männer unter uns, die nicht nur gut nachahmen konnten, immer wieder schauten, sich immer wieder übten. Mit ihren Blicken bohrten sie Gucklöcher in die Menschen, legten beim Nachahmen beide Hände auf den eigenen Leib, tasteten verzweifelt die eigenen Bewegungen ab. Irr wurden sie im Kopf. Sie konnten die Bewegungen nicht fühlen. Oder fühlten sie sie und konnten sie nicht aushalten, fassen, in Worte fassen, deutlich machen? Wollten nicht als Scharlatane, als Hochstapler ausgestossen werden? Irr wurden sie im Kopf. Schlugen mit dem Kopf gegen die Wand. Griffen zur Flasche. Schütteten Fusel, billigsten Rotwein literweise in sich hinein. Bis sie krank wurden von dem miesen Zeug, kotzten. Wie erschlagen irgendwo hinfielen. Ohnmächtig. Wieder nüchtern wurden. Wieder kamen, aus dem Sumpf. Niemand sagte etwas. Was war mit ihnen geschehen? Sprachen sie? Lallten? Vom Fühlen der Bewegungen? Wagten es? Wieder nüchtern, fingen sie von vorn an mit diesem Starren, diesem Üben, konnten ja nicht wirklich etwas zur Sprache bringen, auf den Tisch legen. Und die anderen schwiegen. Mehr weiss ich nicht. Eine alte Tante hat's erzählt. Sie konnte Karten legen, aus der Hand lesen. Hat es bei uns nie getan, wurde wütend, wenn wir es auch nur erwähnten. Dann zogen sie in eine andere Stadt. Die ganze Sippschaft. In jeder Stadt gab es ganze Truppen solcher Akteure. Man schloss sich ihnen an. Abends in Zelten, manchmal in einem festen Haus führten sie den Einwohnern der Stadt gegen ein Entgelt vor, wie weit sie es schon geschafft hatten.

Es war eine komische Tante, die das alles erzählt hat. Sie sah aus wie ein Raubvogel. Hatte grosse Ohren mit Klunkern dran. Ihr Leben lang gehörte sie solchen Truppen an. Sie sass unter den Brettern. In einem Kabäuschen. Das war schon in einem festen Haus. Alle Akteure oben auf den Brettern konnten sie sehen. Im Winter trug sie einen abgeschubberten Kaninchenfellmantel, denn in dem Kabäuschen war es kalt. Sie hatte immer einen Schnaps neben sich stehen. Sie sagte das Leben vor, denn die Akteure, die da oben auf den Brettern das so eingeübte Leben vorführten, wussten manchmal nicht mehr, wo sie waren, welche Laute sie ausstossen mussten. Mittendrin blieben sie stecken. Standen da. Schauten zu der komischen Alten. Die machte das Zeichen, flüsterte die Worte vor. Komische Geschichten hat sie erzählt. Nicht, dass sie wusste, wie und wo die Bewegungen entstehen, sie sagte ihren Verlauf vor, hatte ein Papier vor sich liegen, auf dem das stand. Ganz am Anfang hatte auch sie da oben gestanden. Später hatte sie Star und dicke Brillengläser, aber die Stichworte wusste sie auch so. Es war ja immer dasselbe Stück, vielleicht noch ein zweites, ein drittes; Varianten. Über Generationen hinweg wurden sie gebracht. Immer auf genau dieselbe Art und Weise. Der Verlauf war immer derselbe.

"Seht! Seht! wie weit wir schon sind!" "Bravo! Bravo!", riefen die Leute aus der Stadt. Klatschten. Schmissen Blumen. Gaben Geld. Klatschten. Sie fanden es so komisch, so amüsant, so tragisch, so weit von ihrem eigenen Leben entfernt. Einen guten Abend hatten wir ihnen besorgt.

Auf den Pobacken, am Bauch war der Kaninchenfellmantel vollkommen kahl.

Wir sind noch zu dritt. Drei Geschwister. Keine Einheit mehr. Haben uns getrennt. Sprechen nicht mehr dieselbe Sprache. Kommen nicht mehr zurück - wohin auch - nach durchsoffener durchsumpfter Zeit. Niemand von uns zieht mehr weiter in fremde Städte, in Fremder Städte: die Schmiere ist tot!

Wurzeln sollten wir schlagen. Verbanden uns mit Verwurzelten. Schluss mit dem Theater, diesem elenden Leben des immer wieder Abschauens, Nachahmens, Vorführens, dem Hausen in möblierten Zimmern. Leben wie alle anderen! Ich habe es nicht geschafft.

Ich ging in eine Gegend, die mir ganz fremd war, in der man nichts von meiner Abkunft wusste. Ich wollte alles so tun, wie man es da tut. Wollte ich den anderen, mir vielleicht beweisen, wie perfekt ich das Abschauen, das Nachahmen beherrschte? Wollte ich vielleicht vergessen? Ich kann heute nicht mehr genau erinnern, wie ich das damals empfand. Diese Frage kommt erst jetzt in mir auf. Ich nahm die Bewegungen, die Laute der Menschen da an. Ahmte sie nach. Meine Augen und Ohren waren ja geschult: mein geheimes Erbe. Aber ich zitterte jeden Tag. Vor Angst. Angst etwas nicht perfekt zu beherrschen, Angst etwas auszulassen, Angst etwas zu tun, das nicht gefragt war. Angst entdeckt zu werden. Ich wurde perfekt. Ich zitterte noch immer. Keinen Fehler machen, nur keinen Fehler machen. Ich lächelte. Diese äusserste Anstrengung, die das perfekte Nachahmen kostet. Ich fühle ja den Kodex nicht in mir. Abschauen, üben, bis die Bewegungen von selbst, mechanisch ablaufen, wie vorgeführt. Nichts darf mich ablenken, nichts mich so gefangen halten, dass ich daneben gerate. Bliebe ich, vergessen, stecken - ich habe keine Souffleuse. "Guten Morgen! Wie geht es?" "Danke, ausgezeichnet! Guten Morgen!" Sie klopften mir auf die Schulter und sagten: "Gar nicht so schlecht. Es wird schon noch werden." Ich war so dankbar für dieses Schulterklopfen, hatte so gehofft über die Posen und Possen hinauszukommen. Nur lange genug ausharren, üben.

"Guten Morgen!", lächelte ich. "Danke, ausgezeichnet", lächelte ich. Lächelte. Da stand ich, lächelte. Lächelte. Mir war kalt. Mir war elend. "Danke, ausgezeichnet!" Ich stellte mich vor den Spiegel. Ich schnitt mir das Haar ab. Mit einer Rasierklinge. Erst ein wenig. Ganz kurz. "Kahle!", sagten sie zu mir und ich lachte erleichtert. "Kahle!" Zum ersten Mal sah ich die wirkliche Form meines Kopfes. Mein Kopf gefiel mir. Sie fragten mich: "Warum?", aber sagten: "Mit deinem Kopf kannst du das Haar so tragen." Seit jenem ersten Mal trage ich das Haar kurz und jedes Mal, wenn ich mich vor den Spiegel stelle und sehe, dass mein Haar meinen Kopf zu überwuchern droht, schneide ich es kurz. Sie brauchen nur zu sagen: "Schönes Haar hast du", schon greife ich zur Rasierklinge.
Damals fing ich wieder an zu zeichnen. "Monstren!" sagten sie und: "Warum zeichnest du nicht etwas Liebes, etwas Schönes, etwas Behagendes in derselben Zeit."

Ich ging nicht nur in eine fremde Stadt, eine fremde Gegend. Ich ging in ein fremdes Land, zog eine tatsächliche Grenze zwischen meine Vergangenheit und meine Zukunft, lernte die Sprache dieses Landes. Meine eigene Sprache benutzte ich nicht mehr. Das war nicht so schlimm. Der Sprache meiner Kindheit fühlte ich mich nicht verbunden, hatte kein Verhältnis zu ihr, fühlte sie nicht in mir. Ich hatte sie auswendig gelernt, Wort für Wort buchstabiert, aufgesagt. Nahm fraglos an. Worte liessen mich unberührt, verdampften. Manchmal spürte ich ein leises Beben in mir, ganz tief. Einmal fragte ich meinen Vater: "Was ist das da in mir?" Er sagte mit straffem Gesicht: "Das ist nichts. Das gibt es nicht. Das bringt nur Unruhe." Warum sollte ich ihm nicht glauben? Wer will denn Unruhe? Schon er hatte sich mit einer Verwurzelten verbunden, wusste bescheid. Und dann der Krieg. Ihre Erde wurde verwüstet, gehörte ihnen nicht mehr. Sie mussten weg. Hatten nur noch die Kleider an ihren Leibern und uns, ihre Kinder. In der Fremde mussten sie abschauen. Sie hatten ihre Augen verwahrlost. Probierten es dann auch nicht mehr. Blieben unter sich. Sprachen von damals, vor dem Krieg.
Es war nicht so wichtig für mich, in jener Zeit, in welcher Sprache ich sprach, meine nichts sagenden Briefe schrieb, es waren ja nur Blätter mit Strichen, Kringeln und Punkten: ich bin noch da.

Vieles hat sich in letzter Zeit geändert, ändert sich. Ich kann Bewegungen fühlen, sie zurückverfolgen, fühle, wie sie zerbröckeln, sterben; kraftlos geworden, abfallen, liegen bleiben. Es erschüttert mich jedes Mal von neuem, berauscht mich. Als ich zum ersten Mal begriff, dass ich Bewegungen fühlen konnte, dachte ich, ich wäre irr. Ob ich ihren Ursprung, ihr Entstehen fühle? Ich komme in schmerzhafte Gebiete. Mein Inneres muss heiss sein, flüssig. Wasser fällt aus meinen Augen. Heisses Wasser. Strömt über mein Gesicht. Mein Leib bebt. Als das zum ersten Mal geschah - ich wusste nicht, was mit mir los war. Ich wusste, dass das Tränen sind. Ich hatte sie oft bei anderen Menschen gesehen. In Filmen. Dass auch ich Tränen hatte, dass sie meinen Leib so erschütterten. Heiss strömten sie über mein Gesicht.
Und jetzt wusste ich, dass alle bisher gemachten Bewegungen nicht meine waren. Ja, ich hatte sie gemacht, aber sie waren nur abgeschaut gewesen, angenommen, jeweils so vorgeschrieben, mussten fraglos so gemacht werden, waren perfekt, auswendig.

Ich weiss nicht mehr alles so genau.
Ich las ein Buch. Etwas fesselte mich von Anfang an. Ich wusste, ich musste da durch.
Ich fühlte, was der Mann da geschrieben hatte, fühlte die Bewegungen seiner Menschen in mir, sah, roch ihre zu glänzenden goldenen Masken gerinnenden Züge vor mir. Schmeckte Verwesung. Ich las das Buch wieder und wieder. Ich wollte zu ihm, wollte ihn fragen: wo haben Sie das gefunden? Dieser Mann war tot. In jenem Krieg hatte man ihn, sein ganzes Volk, hatte mein Volk sein ganzes Volk abgeschlachtet, verbrannt, ihre Stätten verwüstet. Die, die davongekommen sind, sind weggezogen; in andere Länder, in anderer Länder. Das passiert ihnen immer wieder, solange dieses Volk sich erinnern kann. Seine Menschen lebten immer in der Fremde, unter sich. Die Fremde sperrte sich ihnen, sperrte sie aus. Man liess sie doch nicht zu. Ich musste das Wo allein finden. Las das Buch wieder und wieder.
Und damals begegnete mir ein Mensch, bei dem ich keine Angst hatte etwas nicht perfekt zu können. Meine Bewegungen waren geschmeidig, kamen ganz von selbst. Er stand vor meiner Tür, hatte wochenlang schon meine Bilder durchs Fenster gesehen, wollte, musste mit mir sprechen. Dann musste er weiter.

Unter meinem Lächeln, meinem Guten Morgen! klingen die Worte jenes Mannes, bewegen sich seine Menschen stets heftiger in mir. Trunken setze ich mich an meinen Tisch, zeichne, was vorliegt, taste ab, lege bloss, begebe mich tiefer und tiefer in sein Land; allein. Erschöpft von diesen Tagesmärschen sitze ich da. Es dröhnt in mir. Dieses Dröhnen. Es schwemmt aus mir heraus. Augen, Hände, Leiber, ganze Stapel liegen sie vor mir, durchtränkt von seinem, von meinem Blut, dem Blute seiner und meiner Menschen. Aufgetrommelt, versengt von schwarzem Rhythmus, liegen sie, ihre letzten Züge noch hochhaltend, auf meinem Weg. In der Dämmerung dann dringe ich durch die Spuren dieser Bewegungen hindurch. Wir stehen Auge in Auge. Es ist schmerzhaft. Zwischen uns der Tod. Trauer. Unentwegter verzweifelter Tanz am äussersten Rand. Hände, die doch nicht berühren (können). Entblösste Menschen. Es gibt kein Zurück. Die Wege führen durch das Dunkel brennender Zeiträume. Noch höre ich das Krachen. Auf den Wegen die Züge der Menschen.

 

Und in ein paar Tagen fliegen wir wieder in den Süden. Was weiss ich schon davon.
Wir leben da auf einem schmalen Streifen Sand. Der Sand ist heiss. Vor uns das Auf und Ab des Meeres, hinter uns starr und rot und steil eine zerklüftete Felskette. Das Meer rollt unaufhörlich auf uns zu, klatscht auf den Sand, rollt zurück, klatscht auf den Sand. Gegen Abend wird sein Auf und Ab heftiger. In der Ferne kreisen Vögel.
Die Felsen sind zerklüftet. Wenn ich im heissen Sand liege und mir die rote Wand ansehe, scheint sie eine Attrappe, an manchen Stellen zerfetzt, flatternd in heissem flimmerndem Blau, das immer weisser scheint, wieder abflaut ins Blau. Nichts wirft Schatten.
Ganz nackt sind wir von allen Seiten dieser strahlenden sich weiss steigernden Hitze ausgesetzt. Ab und zu wälzen wir uns im Sand.
Niemand geht ins Meer. "Früher ging man ins Meer", sagen die Alten; sie sind schon wirr im Kopf. Schon da, wo das Meer auf den Strand schlägt, den Sand eine Nuance dunkler färbt, läuft niemand.

Wie wir dahin kommen, wissen wir nicht. Wir kommen bei einer, bei der Öffnung in der Felswand an. Es herrscht ein fürchterliches Gedränge, es tut beinahe weh. "Ich bitte Sie!" Und dann stehen wir auf dem Streifen Sand. Ein wenig benommen.
Wir nehmen nichts dahin mit. Da haben wir nichts. Ich vermute, dass die Öffnung im Fels sehr eng ist. Manche haben da doch einen Apfel in der Hand.

Wir laufen hin und her, schauen aufs Meer, auf die Felsen, in die helle Hitze, liegen im Sand, wälzen uns. Manche laufen ganze Strecken, manche nur auf der Stelle. Die Felsen, das Meer, die Schattenlosigkeit - es ist immer und überall das Gleiche.

Ja, wir sprechen miteinander. Dass der andere etwas sagt, können wir allerdings nur an der Bewegung seines Mundes sehen. Die Hitze tastet die Worte an, zerreisst sie. Oft schauen wir gar nicht mehr hin. Es ist zwecklos dem anderen zu sagen, dass wir nicht verstehen, was er sagt. Er würde ja nur die Bewegung unserer Lippen sehen, wahrscheinlich denken, wir antworteten und da er nichts versteht, bestenfalls Wortfetzen auffängt, ahnt, hören will - doch tun wir es.

Erst laufen wir. Dann stehen wir da, starren aufs Meer. Es rollt auf uns zu. Unsere Leiber neigen sich ihm entgegen und wieder zurück, sich ihm entgegen und zurück. Es rollt auf uns zu, klatscht auf, saugt sich zurück. Die Bewegungen werden gewaltiger. Klatsch. Weg. Klatsch. Weg. Klatsch. Wir reissen uns los, laufen weiter, bleiben stehen, setzen uns, neigen uns dem Meer entgegen, legen unsere rhythmusprallen Leiber auf den heissen Sand. Klatsch. Weg. Klatsch. Klatsch.
Unsere Haut wird rot, schwillt, bekommt Bläschen. Das sieht scheusslich aus. Spätestens jetzt sollten wir uns zu einer, zur Öffnung begeben.

Jeder, der hier ist, ist freiwillig hier und bestimmt selbst, wie lange er bleibt, ob er nur eben schaut, den ganzen Tag über bleibt, zwei-, dreimal pro Tag kommt, öfter.

Wer die Öffnung erreicht, ist gerettet. Wie irr habe ich sie im Kreise herumlaufen sehen. Sie stürzen zu Boden, beissen sich fest in den Sand, stossen tierische Kehllaute aus. Oder bilden wir uns das nur ein? Es schnürt mir die Kehle. Manchmal sehen wir ein winziges Stück Gesicht in Schmerz, in Verzückung verzerrt. Sie beissen sich fest, schlagen den Leib mit der roten Bläschenhaut auf den Sand, wälzen sich. Man will ja helfen. Sie schlagen um sich, stöhnen. Manche geben keinen Laut von sich.
Wir begeben uns immer rechtzeitig zur Öffnung. Wir sind zu zweit.

Und nach einer Woche fahren wir wieder in das Land mit dem grauen schweren Himmel. Andere bleiben länger. Das kann jeder halten, wie er will: eine Woche, zwei, drei, mehr. Jeder muss das selbst für sich entscheiden.

Nachts kommt die Flut. Gegen Abend schon grollt das Meer unter seinem ständig sich steigernden Stampfen und Schluchzen, rollt in wütendem Orgasmus auf die Felswand zu, prallt auf, rollt zurück, knallt auf die Wand. Knallt auf die Wand. Die Verbrannten. Knallt auf die Wand. Wie lange noch ein Funken Leben in ihnen ist, wissen wir nicht. Das rollende Meer reinigt den Strand. Knallt auf die Wand.

Fetzen von in Todesangst schreiender Menschen finden sich an der Felswand klebend, hineingestanzt. Das kann nur sehen, wer sehr früh kommt. Nur anhand der Reste können wir uns ausmalen, was geschehen ist; eventuell. Schon stürzen sich die Vögel auf die Wand. Irgendwann sind die Einstanzungen von den Furchen im Gestein nicht mehr zu unterscheiden. Manche liegen hoch.

1983/3 Revisor: 'Het zuiden' (Übersetzung: Paul Beers/Sabine Vess); letzte Korrektur des deutschen Originaltextes: Mai 2010.

index prosa