index reiseberichte.....zurück.....weiter
DEUTSCHLAND 2Tusch! Die kleinen sehr runden spät gewachsenen Brüste schütteln. Federn, Roben, Schenkel, Fesseln. Er schüttelt, schüttelt den Körper. Die Pumps sind sehr hoch. Die Bühne klein. Chansons vom Band zum sich Öffnen klangloser Münder und fest an die Körper gebundene Penisse.Die schweren Stiefel in der hängenden Hand. Barfuss. Steigt in die S-Bahn. Setzt sich in den Schneidersitz, stellt die Stiefel vor die Bank. Sitzt da. Keine Regung. Ist jung. So mager. In Schwarz. "Berlin wird eine normale Stadt in einem normalen Land." "Berlin: das Ende einer anstössigen Insel in einem anstössigen Staat." Berlin tut weh. Seine brachliegenden Flächen, der kahle Streifen, wo die Mauer jetzt weg ist, mit, auf östlicher Seite noch, den extra Streifen ehemaligen Niemandslandes. Mauerreste. Ein Terrain voller Mauerbrocken. Die Synagoge in der Oranienburger Strasse wird renoviert, auch die Museumsinsel, das Zeughaus, der Dom. Die grosse Leere des Potsdamer Platzes. Im Osten ist Kirmes, ist Mittelalterfestival, gibt es ein Gauklerfest: Würstchenbuden, Zuckerzeugbuden, Eis, Bier. Der Film über den Malermönch von Andrzej Tarkowski, das sind vier Stunden Russland.
Mein Vetter - versuchte Republikflucht, ganz früh schon -, seine Frau, meine Kusine (seine ältere Schwester), meine Tante (die ältere Schwester meiner Mutter). Heute ist mein Vetter fünfzig. Vor zwei Jahren zermalmt ihm ein aus seinem Stand rollender Traktor die Beine: Materialverschleiss. Die Brüche wollen nicht zusammenwachsen.
Heute Nachmittag kommt Victor. Er bleibt ein paar Tage. Ich fahre noch in die Stadt. Ich darf vom Informationszentrum aus anrufen. Wieder hat diese Frau Zeit für mich. Gleich morgen die zwei Gespräche auf meiner Suche nach Geld für die Schulz-Büste. "Es ist unwichtig, dass ich es selbst nicht so täte." Sie schaut sich meine Zeichnungen von unterwegs an, sorgt für Kopien meiner Nachweise. "Bitte", sage ich, "hätten Sie vielleicht eine Kontaktadresse in Israel für mich." Das Du kommt erst später. Sie gibt mir die Adresse einer Freundin in Tel Aviv. "In einer Woche kommt eine Gruppe Israelis, ehemalige Berliner, nach Berlin. Wenn Sie dabei sein möchten, bei der Stadtrundfahrt?" Victor und ich ziehen für drei Nächte in ein Hotel ganz in der Nähe von Barbaras Wohnung. Bis zur Wende ist es Sporthotel, geführt von der Stasi. Alle Wanzen sind entfernt. In den guten Stuben der Appartements - diese Appartements sind damals den Gruppenleitern vorbehalten - stehen Couches, Sessel, Glasvitrinen, Schrankwände, Farbfernseher, liegen Perserteppiche vom Band. Man zielt auf die Mittelschicht. Wirtschaftsaufbauhelfer, Vertreter, Umschulungsleiter und -teilnehmer. Ganze Busse Touristen werden in den minderen Wohneinheiten, ohne gute Stube, untergebracht; die Umschulungsteilnehmer auch. Der Frühstücksraum ist noch immer Jugendherbergskantine, die Hoteldirektion von damals abgesetzt. Das Hotel hat nichts Anziehendes, weder von aussen noch von innen.
Schulz. Die Büste. Das Geld. Vielleicht ist es das Gesicht der Einsamkeit. Liebe, Kunst machen einsam. Einsamkeit grenzt an Tod. Die Grenze mit dem Tod ist die einzige, die untrennbar mit dem Leben verbunden ist. Du kannst dich nicht über sie hinwegsetzen. Sie durchbrochen zu haben, heisst nicht mehr am Leben zu sein. Ihre Antwort ist immer Schweigen. Ich bin sicher, dass es diese schweigende Grenze ist, die uns zeichnet, sehen und zeichnen lässt. All unsere Antworten, Reaktionen, liegen diesseits dieser Grenze. Kunst schaffen, Liebe, diese Zustände im Bereich der Auflösung der Zeit, kennen keine Häuser, da gibt es keinen Schutz, spürst du den Wind von da.Das zweite Gespräch. Wieder packe ich aus. "Wollen Sie damit nicht nach Berlin." "Ich will." "Sie müssen nicht enttäuscht sein, wenn es nicht klappt, es lässt sich kaum irgend einfügen." "Enttäuscht sein ist ein tödlicher Luxus." Der Mann zieht den Rücken nach vorn, verschränkt seine Beine, verschraubt den Kopf zwischen den Schultern. Der Führerbunker ist nicht unter dem Erdhügel, auf dem die Leute einander fotografieren, er ist unter den Wohnblocks, unter dem Spielplatz vor den Wohnblocks.
Hennigsholm. Wir fahren in die Wälder östlich Stettins. Ich will Victor die Wälder meines herrlichen Sommers inmitten von Krieg zeigen, ihn sie riechen lassen. Das Behelfsheim steht längst nicht mehr. Auch damals war der Sommer so heiss. Wir bringen mein grosses Gepäck zu Barbara. Bis zur letzten S-Bahnstation kommt sie mit. Sie ist in Urlaub, wenn wir zurückkommen. Nach diesem Ausflug wohnen wir, wohne ich wieder da. Ich liebe solche Wälder. Die in Brabant sind so. In Brabant liegt kein Wermut in der Luft, kein Salbei. Der Sandboden mit den schon braunen Kiefernnadeln federt. Die Nadeln tun den blossen Füssen nicht weh, sind ganz sacht. Nach der deutschen Kapitulation kommt der Mann dieser Frau wieder her, arbeitet noch ein Jahr lang unter Polen. 1946 werden sie ausgesiedelt, nach Kiel. In derselben Zeit wie die Stiefmutter meiner Mutter. Der Vater meines Vaters stirbt kurz vor der Aussiedlung. Seine Frau, die junge Stiefmutter meines Vaters, für uns Tante Erika, sitzt fünf Tage neben seiner Leiche. Die wird dann, im Rahmen des Abkarrens aller möglichen Leichen, abgekarrt. Auch Tante Erika geht nach Westen. Das irre Glücksgefühl der schwirrenden Hitze, des heissen, trockenen Kiefernatems, des Waldbodens, über den ich damals mit blossen Füssen laufe, mit meinen Händen drin grabe, Gräser zupfe, mich suhle...1979, auf meiner ersten Polenreise, finde ich in Szczecin das Haus meiner Mutter. Ein alter Freund, der geblieben war, sagt mir, wo ich die Strasse finde, ich weiss die Hausnummer nicht, will nur durch die Strasse. Weiss auf einmal: hier ist es. Finde auch noch die Bäckerei und das Schuhgeschäft, wo meine Mutter damals braun/gelb karierte Hausschuhe für mich kauft, mit Leiterverschluss. Jetzt weiss ich die Hausnummer und den polnischen Namen der Strasse. "Mariana Bucka", frage ich einen. Es ist gleich um die Ecke. Die Strasse ist jetzt nach Pilsudski genannt. Bis zum Einzug der Polen hiess sie 'Friedrich Karl Strasse'. Wir stehen gegenüber der Nummer, die ich jetzt weiss. Auf den Balkons, in den Fenstern zeigen sich Menschen voller abweisender Neugierde, glimmen in der Sonne. Ich kenne das Haus nicht. Vielleicht habe ich die Nummer nicht gut behalten. Ich fotografiere es. "Nein", sagt meine Mutter, als ich ihr das Foto zeige. Die Menschen bleiben auf ihren Balkons, hinter ihren Fensterscheiben, bis wir wieder ins Auto steigen, abhauen. Jetzt kommen viele Deutsche her wie nach Schlesien, nach Ostpreussen. Sie wollen ihre Strasse sehen, ihr Haus, ihre Gräber. Vor zehn Jahren kommt die ältere Schwester meiner Mutter her, die Einzahnige, die jetzt immer den Satz von den zwölf, dreizehn Schuhgeschäften herauskrächzt. Man bespuckt sie. Dann zeigt man ihr ihre Kindheitswohnung doch. Alle Möbel sind noch da. Der Schneidertisch meines Grossvaters. Alles, wo es gestanden hatte.
Swinemünde. Wir fahren östlich des Haffs nach Swinemünde, Swinoujscie. Setzen mit der Fähre über, finden in dieser 'Perle der Ostsee', gegenüber dem Jachthafen, ein Hotel. Ein altes Hotel. Die Etagendusche ist dreckig, das Etagenklo auch. Beide stinken; darüber das Lysol. Victor ekelt sich, ist empört. Ich ekele mich auch. Ich bin nicht empört. Ich mache die Dusche soweit sauber, dass wir duschen können. "Unten sitzen sie, quatschen, rauchen, anstatt die Dusche sauber zu machen", sagt er. Im Restaurant des Hotels wird kein Essen mehr serviert. Der Kellner gibt uns eine Adresse. Die alten Häuser verfallen zu Löchern. Traurige Strassen. Im Rotwein schwimmt Eis. Zwei Zigeunerinnen kommen, setzen sich an einen der Tische, trinken Tee, starren mich durch den Raum hin an, winken mir zu. Die Alte sieht hell. Nachts schaue ich aus dem Fenster. Da stehen sie in der Anlage am Jachthafen, schäkern mit den Männern. Frühstückszeit ist erst in anderthalb Stunden. "Wieder sitzen sie da, quatschen, rauchen." Wir warten nicht aufs Frühstück, bezahlen, gehen, kaufen in einem Supermarkt Brot, Schinken und Mineralwasser. Das alles stellt sich als nicht sehr schmackhaft heraus. Die Grenze ist noch oder sowieso für den Durchgangsverkehr geschlossen. Victor spricht mit dem Leiter des polnischen Grenzpostens. "Choland!" Wir dürfen durch. Auf der deutschen Seite der Grenze sind Strassen und Orte sauber. Der Unterschied ist offensichtlich. In einem der Badeorte trinken wir unseren Morgenkaffee. 'Wiege der Raumfahrt' steht am Eingang des Barackenkomplexes, wo Wernher von Braun in Peenemünde für das Nazi-Regime Raketen baute. Den Dünenstreifen gleich hinter der Ostsee verminte man kilometerweit. Nicht alle Durchgänge sind schon freigegeben.
Stralsund. Tafeln verkünden, dass es zu den Städten gehört, die vorrangig restauriert werden. Hier bleiben wir heute nacht. Rügen im Regen. Alte Frauen in Türen, diese dunklen Frauenklumpen vor dunklen Löchern wie überall auf dem Lande. Und wieder nach Berlin. Die Städte unterwegs, ohne Baudenkmal-Status, ohne vorrangige Behandlung. All die noch offenen Kriegswunden, in die Wohnblöcke geknallt sind. Wie Krieg brandschatzt, und am meisten die Menschen. In neuen Schaufenstern stehen neue Puppendamen.
Berlin. Ich bin wieder allein. Zeichne, schreibe auf. Fahre in die Stadt, sitze in einem Café, schreibe weiter. Sehe mir zwei Filme an, der zweite zeigt das Leben der Zigeuner. Die Wirklichkeit ist erbarmungsloser, roher, steht abseits solcher Farbenpracht, ist kein Epos, kein wunderschönes Celluloid.
Wieder bin ich im Bahnhof Friedrichstrasse. Dass ich die Gänge, die Räume der Erniedrigung nicht finde! Nicht mehr finden kann, wie sie verliefen. Ich gehe zum Fernbahnsteig, zum Bahnsteigvorsteher. "Bitte, wo sind die Hunde? Wo standen sie jedes Mal, bis wo?" "Die Zwinger, in denen die Schäferhunde jedes Mal bis zum nächsten Zug verblieben, sind noch da, auch die Hochgalerien, auf denen die Vopos standen..." - das Gewehr im Anschlag. Die Gänge, durch die sie die Menschen schleusten, sind weg. Von den vermaledeiten Schaltern, den dreimal erniedrigenden, aus denen die Hände kamen, die starren lautlosen Gesichter, keine Spur. Die Wände, zwischen denen sich das alles abspielte, haben Wunden. "Alle Bahnbeamten von damals sind weg, ich bin erst ein Jahr hier. Die Hunde haben sie sofort verkauft. Gorbatschow? Schlafen tue ich heute Nacht nicht. Ich hoffe, die in Moskau haben genügend lange Freiheit geatmet um sich nicht wieder zurückreissen zu lassen." Ein einziger Strich verändert die Haltung, das Bild ganz und gar. Mit einem Strich nur werden aus Untertänigen mit hochgezogenen Schultern, aus alles Hinnehmenden Herrscher, Schläger.
Im Frühjahr 1987, am Ende meiner letzten Polenreise vor dem Fall der Mauer, treffe ich sie zum ersten Mal. Die Kontrollen sind schärfer, erniedrigender denn je. Als ich um 12 Uhr Ausgang Friedrichstrasse Ost stehe, steht auch sie da, mit der Weltbühne in der Hand. Übel vor und von den Kontrollen, der Macht, die Menschen über Menschen, über sich selbst ausüben - im Zug nach Warschau, im Zug von Warschau nach Westberlin, dann in diesen Gängen der Erniedrigung zwischen den Wänden von Bahnhof Friedrichstrasse und sowieso -, kann ich mich kaum noch auf den Beinen halten. Ich schreibe dir das damals schon. Bis 10 Uhr morgens kotze ich von allem und mir, spucke nur noch Galle. Ich konnte nicht einfach zu ihr hin, Klein Machnow ist nicht Berlin. Nach dem Lesen von Texten von mir schreibt sie mir: "... aber für mich geht das Wort vorrangig über den Verstand, und erst von dort weckt es Gefühle und löst Gedankenketten aus..." Sie und ihr Mann holen mich in Klein Machnow an der Bushaltestelle ab. In weisser Hose mit Reissverschluss hinten, weissem Pullover, weissem Blusenkragen, rund, mit Rüschen kommt sie auf mich zu. Eine Folie zieht in mir auf. Die tiefen Mundkranz- und Kinnfalten. Ansonsten ist ihr Gesicht, ist die hohe Stirn glatt. Über die Mitte der Unterlippe zieht sich die Kinnhaut bis ins Mundinnere. Ihr Rücken ist nur ganz oben ein wenig gerundet. Sie ist noch immer schön.
Ich werfe den Schlüssel in den Briefkasten, gebe das Gepäck am Bahnhof Zoo in Bewahrung. Es heisst uns der Kapitän der IC-Mannschaft an Bord des 'Ricarda Huch' willkommen, erst der Kapitän der Mannschaft der Reichsbahn und von der ehemaligen deutsch/deutschen Grenze an, der der Bundesbahn.
Göttingen. Ich wohne in der Jüden Strasse, mitten in der Stadt. Göttingen rüstet sich zum Altstadtfest. Ich rufe meine Mutter an. Gestern begruben sie den Mann ihrer schon toten jüngeren Schwester. Den letzten der alten Garde in ihrer Nähe. Seinerzeit fliegen die Bomber über diese Stadt hinweg nach Osten. Hier wohnen wir von März 1945 bis November 1953. Hier stehen meine Grosseltern auf der Bühne, bevor sie Mitte der zwanziger Jahre nach Stettin ziehen. Auf dem Friedhof liegen die in Wien geborene Grossmutter meines Vaters, auch eine Schauspielerin, ihr Budapester Vetter, ein Cellist, und eine Halbschwester meines Vaters. Diese Halbschwester, eine frische Kriegerwitwe mit zwei halbwüchsigen Jungen, nimmt uns im März 1945 auf. Fünfmal schmeisst sie uns raus und fünfmal nimmt sie uns wieder auf. "Bei jedem Stunk legst du dich zu ihr ins Bett", sagt meine Mutter, "streichelst sie." Ich kann nichts davon in mir erspüren, wittern. Ihre Söhne wohnen nicht mehr hier. Nur die zwei Kinder des Jüngeren. Alles ist viel weniger weit voneinander entfernt, als ich es in Erinnerung habe. Manches, dessen ich sicher bin, es liege diesseits des Zentrums, liegt jenseits. Ich fahre nach Friedland, dem einstigen Flüchtlingslager, dann auch Durchgangslager für Spätheimkehrer, jetzt Durchgangslager für deutsche Aussiedler aus dem ehemaligen Ostblock. In Göttingens Innenstadt kreischt Pop, trieft Volksmusik, stopfen Menschen Essen, schütten Trinken in sich hinein. Kauen. Ich laufe raus in die direkte Umgebung meiner Göttinger Kindheit. Durch die Eisenbahnunterführung, über die Leine Richtung Grone, vorbei am Haus von Herrn Gottmann, dem Milchmann. "Herr Gottmann war Clown, Musikclown". Er trägt eine Fliege. "Seine Frau trug in spärlicher Bekleidung die Nummern der Auftritte durch die Piste." Das erste Revuegirl, das ich zu Gesicht bekomme, ist alt, sein schrunzliges Gesicht fällt in einer Hautschluppe aus seinem Rahmen. Es trägt ein Dekolleté. Anna. Meine erste Piste, die ich betrete, ist ihr Milchladen. Im ersten Haus noch nehmen sie mir meinen Fritz ohne Kopf ab. Schmeissen diesen ständigen Begleiter meiner ersten Jahre in den Aschekasten. "Jetzt hast du ja eine schöne heile Puppe." In diesem Haus, im Parterre, sagt eine graue, über die hervorstechenden Knochen geworfene Haut: "Ich bin dein Vater. Es ist alles vorbei. Alles wird wieder normal sein, wie es war." Sein offener Fuss suppt. Meine erste Normalität ist Krieg. Roter lodernder Himmel, Sirenen, das Kreischen von Frauen, Entwarnungsfrisuren, Trümmer. Wo soll er schlafen? Ich packe meine Habe in einen Schuhkarton, gehe hoch zu den Leuten, wo ich immer die Puddingtöpfe auskratzen darf. "Ich bleibe jetzt immer bei Euch." Am Nachmittag habe ich mich von Lisa, der einzigen Tochter, wieder runter tragen lassen. Nie habe ich mich erniedrigter gefühlt. Im dritten Haus, unserer ersten eigenen Wohnung, 1951 ziehen wir da ein, bangen wir lange um das Leben meines Vaters. In dem Garten, der jetzt eine Autowerkstatt ist - damals noch der Garten der Nachbarn -, liege ich in meinem ersten Göttiger September im Schatten eines Grauchenbaumes. Grauchen sind hässliche graue Birnchen mit harter pickliger nahezu bitterer Haut. Das Wasser läuft mir im Munde zusammen. Mein Mund füllt sich mit süssem warmem Matsch. Ich presse diesen Matsch durch die Lücken meiner Zähne, er tropft durch meine Finger, rinnt runter an den Ärmchen. Ich schlürfe ihn auf, lecke ihn mir vom Leib. Alles wird durchtränkt und überzogen von der Birnchen süssem Matsch. Das Gesicht kann ich mir nicht ablecken. Nur die Lippen. Die Zunge reicht nicht einmal bis an die Nase. Der Schatten des Baumes verschiebt sich, ich bleibe liegen, wo ich liege, stopfe weiter ein Grauchen nach dem anderen in mich hinein. Muss mich übergeben. Der Heisshunger wächst. Ich verschlinge mehr und mehr. Fünf bin ich. Voll gepfropft, süss glasiert, ganz Birne - mein Gesicht spannt -, kann ich nur noch die Oberlippe hochziehen, die Vorderzähne freilegen, grinse die Sonne an. "Mein Baum der Erkenntnis ist die Birne", steht im 'Phänomen Bruno Schulz', der Lesung, die ich in Warschau dann doch nicht gehalten habe, "... der Schatten des Baumes, dessen Früchte wir gierig verschliegen, deckt uns nicht mehr." Die Generation meiner Eltern will nicht wahrhaben, dass sie mit ihrem massiven Gleichschritt eine Grenze durchbrochen haben, hinter die sie sich nicht mehr zurückziehen können. Und niemand mehr. Sie überspielen den Durchbruch. Die zur Verfügung gestellten Mittel lassen diesen Wahn und das sich Manövrieren in diesen Wahn gedeihen. Alles, was sie im Gedenken an jene vorbeie Normalität so wieder aufbauen und erledigen, ist als Kopie zu erkennen. Die Mietskaserne, in der die Stadtarbeiter wohnen, die Aschkästenmänner, ihre Kinder (Aschows Mädchen), die Kunstrad fahren, von Jungs wissen, steht nicht mehr. Ich gehe die Treppe zum zweiten Haus hoch, dem in der Seitenstrasse, klingele. "Bitte", sage ich. Ich darf rein. Es ist dasselbe Haus. Sie wohnen hier zu dritt, wir damals zu zwölft und ab und zu Schübe von Leuten, die kommen, dasitzen, ihre Geschichte erzählen, schweigen, weiterziehen. "Was ist", frage ich. Sie schliessen die Augen, dämmern vor sich hin. Ich ziehe ihnen die Augenlider hoch. Wo sind ihre Augen? Was tun Augen, wenn sie geschlossen sind? Oft sehe ich nur das Weiss des Augapfels, manchmal die Pupille, die sich durch den plötzlichen Lichteinfall zusammenzieht. "Lass das!" Aus Brennholz schnitzt mein Vater Handpuppenköpfe und spielt Theater für uns: "Die Toten, die Toten, die haben weisse Pfoten, sie haben an ein weisses Hemd, die Unterwäsche ist ihnen fremd." Das lässt uns den Hunger und die Kälte vergessen, eben. Abends im Bett spinnen meine Schwester und ich uns in normale Familien ein. Unsere Männer haben gehobene Positionen, unsere unartigen Kinder werden am 6. Dezember von Knecht Ruprecht in Säcke gesteckt und in die Hölle abtransportiert. Dort reisst man ihnen die Kleider vom Leib, peitscht sie aus, zerhackt sie und schmeisst sie in siedendes Öl, bis ihnen Hören und Sehen vergeht, um sie rechtzeitig, geläutert und perfekt wieder zusammengefügt, zu Weihnachten zu entlassen; zur Bescherung, dem Riegel Schokolade aus dem Carepaket, den wir ihnen in unsereren gleichzeitigen Rollen als Weihnachtsmänner und Geläuterte gönnerhaft lächelnd geben und lächelnd knicksend annehmen, unter Glöckchengebimmel vom Weihnachtsbaum, 'Stille Nacht, Heilige Nacht', 'Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!' Die Haut der Menschen wird schnell wieder glatt, fängt an zu glimmen. Auch die meiner Grossmutter. Als mein Vater sie 1946 zu uns holt, ist sie ein Strich. Dann kommen die Kartoffeln. Wenn sie einschnappt, sagt sie tagelang kein Wort, setzt sich nicht zu uns an den gedeckten Tisch, streift, aufgequollen, mit roten Flecken im Gesicht, schwarzem Kleid und weissem Kragen, uns Essende. Ihr Umfang ist stark. Unter ihrem immer wiederholten wässrigen: "Ihr lasst mich verhungern!" - diese hängende Lippe werde ich nicht mehr los - stochern wir auf unseren Tellern herum, stecken das Fleisch in den Mund, schlucken runter. Es ist derselbe Garten mit derselben Einfassung des Stückchens Rasen, der Bleiche, auf der ich mir die Nase breche, und dahinter nur Wildwuchs bis an die Hinterpforte. Auf der anderen Seite des Durchgangs hinter den Gärten ist der Zaun des Altenpflegeheims, damals Tuberkuloseanstalt für die im letzten Stadium. Wenn die Diakonissen die Betten raus fahren, die Gestelle abseifen, die Decken lüften, ist wieder einer weg. Damals liegt das Sterbetempo höher. Ich darf hoch in die Kammern, wo ich einst stundenlang in die Gewitter schaue. Meine Schulen, die Bordsteinkante, auf der ich mir die Zähne ausschlage. In der ersten Schule lerne ich, wie Erpressung anfängt. In der ersten Klasse befiehlt mir das Fräulein mich hinters Katheder zu setzen und aufzuschreiben, wer schwatzt. Eine Ehre. Vor mir sitzen vierzig Mädchen, alle ungefähr sieben Jahre alt. Fräulein S muss zum Rektor. Vor mir das Blatt Papier, in der Hand, steif, der Bleistift. Die Tochter des Musiklehrers spricht andauernd. Es ist der einzige Name, den ich über all die Jahre hin behalten habe, abgesehen von zwei, drei engen Vertrauten. Sie ist blond. "Ich muss dich aufschreiben", sage ich. Sie kommt ans Katheder: "Wenn du mich nicht aufschreibst, gebe ich dir diesen Puppenkochtopf." Schlagartig wird mir ein Unterschied bewusst, der mir bis dahin nichts bedeutet. Sie hat eine Wohnung, einen Vater mit sicherer Stellung und heilen Gliedern, Spielzeug. Ich habe sechs dürre Menschen in zwei Kammern, wenig zu essen, einen Vater mit kaputten suppenden Gliedern, ohne feste Stellung, kaum Spielzeug. Ich schreibe sie nicht auf. Ich schreibe niemanden auf. Vor aller Augen nehme ich den Puppenkochtopf in die Hand. Er ist schön. Nie würde ich mit ihm spielen können. Ich müsste seine Herkunft erklären. Ich besuche noch eine Ausstellung. Die Bilder halten nicht durch, was ich bei dem einen im Schaufenster zu verspüren meinte. "Und", fragt der junge Künstler, "sehen Sie Selbstgefälligkeit in meinen Arbeiten? Das kann ich mir doch wohl leisten." "Nein", sage ich. "Das klingt ja nach Askese. Ich habe doch noch Zeit."
Treysa. Ich fahre zum einzigen Freund meines Vaters, in die Schwalm, ins Hessische. Im August 1974, bei der Beerdigung meines Vaters sehen wir uns das letzte Mal, davor im Sommer 1952. Als herrsche ein Vakuum in ihm, söge ihn aus. Die mageren Hände zittern. Auch in seinem Mund herrscht dies Vakuum. Unten trägt er kein Gebiss. Er und mein Vater treffen sich in britischer Kriegsgefangenschaft. Der eine zeichnet, der andere liest Tucholsky. Mein Vater wird nach Göttingen entlassen, er in die Schwalm. Seine Eltern sind schon da, bei Familienangehörigen. Sie sind aus Danzig. Er ist zwanzig, vielleicht zweiundzwanzig Jahre alt. Dorfschullehrer. Immer kommt er mit dem Fahrrad nach Göttingen, ist ein, zwei Tage bei uns, fährt wieder weg. Mit ihm kommt etwas anderes ins Haus als mit den andern, die kommen. Mein Vater hat einen Freund! Irgendwann heiratet er eine Witwe mit drei Kindern. Ihr gemeinsamer Sohn wird geboren. Die Freundschaft mit meinem Vater gerät an den Rand. Der hessische Bauer ist reich, sein Boden gut. Er schützt sich vor denen, die aus dem Thüringischen kommen. Abends führen sie ihren Leibern Alkohol zu, bis sie taub gesogen sind, drehen die Zigaretten mit Filter für morgen. Ich lade sie zu einem abschliessenden Mittagessen ein. Gegen Abend bringen sie mich zum Zug nach Frankfurt. Morgen um 12 Uhr noch ein Gespräch, noch eine Möglichkeit für das Geld für die Schulz-Büste, eine Adresse sowohl aus Warschau als auch aus Berlin.
Diedenbergen. Der ältere Sohn meiner älteren Schwester holt mich vom Bahnhof in Hofheim ab. Zwei Nächte schlafe ich bei ihr, deren Nähe mich jahrelang buchstäblich sprachlos schlägt. Für meinen Schwager ist es mein Gesicht, das hinter den Zeichnungen liegt. Meine Schwester bringt mich nach Mainz. In Duisburg steige ich um. Sitze neben einem jungen Amerikaner. "Niemand spricht mehr über das Sterben, bezieht den Tod nicht mehr mit ein in das, was er tut", sagt er. "Doch, wir wollen ihn nicht, wollen den Blick von da nicht." |